Die Kaiserfahrt nach dem Grient
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eit Monaten, und in gesteigertem Grade in den letzten Wochen, sind die Augen der Welt nach dem türkischen Osten gerichtet. Denn unser Kaiser hat als hochgeehrter Gast des Sultans Kon- stautinopel besucht und ist am 29. Oktober feierlich in Jerusalem eingezogen, um am 31., am Reformationsfeste, die hochragende evangelische Erlöserkirche auf dem Muristan, dem alten Boden des Johanniter- ordens, einzuweihen. Wenn sein Besuch in Stambul nur eine Wiederholung des schon 1889 hier abgestatteten ist, so bringt sein Erscheinen in der uralten Stadt Davids, die den Bekennern der großen monotheistischen Weltreligionen gleich heilig ist, etwas ganz neues. Zum erstenmale seit dem 17. März 1229, seitdem vor säst 670 Jahren Kaiser Friedrich II. der Hohenstaufe sich die Königskrone von Jerusalem aufs Haupt setzte, verweilt ein deutscher Kaiser in Jerusalem. Auch Friedrich II. kam, obwohl als Kreuzfahrer, doch als Freund der Mohammedaner, denn er nahm die Krone kraft eines friedlichen Vertrages, aber er kam eben doch, um die Herrschaft über Stadt und Land zu gewinnen. Kaiser Wilhelm ist als Freund des Khalifen, aber nicht als Eroberer, sondern als das Haupt der evangelischen Christenheit gekommen, deren Vertreter er um sich versammelt hat. Zum erstenmale in der Geschichte ist in diesen festlichen Tagen die viel- gespaltne evangelische Kirche aller Zungen gewissermaßen als ein Ganzes an dieser weltgeschichtlichen Stätte aufgetreten und hat sich damit ebenbürtig neben die ältern und einheitlicher organisirten Kirchengenossenschaften gestellt. Zugleich erscheint dabei die evangelische Kirche Deutschlands unabhängig von dem englisch-preußischen Bistum Jerusalem, Friedrich Wilhelms IV. romantischer Schöpfung (1841), der die deutschen kirchlichen Interessen im Morgenlande willig dem englischen Hochmute unterwarf, bis das gesteigerte Selbstgefühl der Nation dieses unwürdige Verhältnis 1889 auflöste.
Grenzboten IV 1898 2V