Betrachtungen über das Drama, insbesondre das deutsche
(Schluß)
,ach Steiger haben wir in der künstlerischen Kultur drei Zeitalter hinter uns und stehen nm Beginn des vierten. Das erste l war das plastische der Griechen, in dem alles Leben sozial gebunden war und zum Typus werden mußte (auch die Dichtung, Iwas doch sehr einzuschränken ist!), weil „die griechische Stadtgemeinde nur Freie und Sklaven, aber keine Menschen kannte, wo der Mensch ganz im Bürger aufging." Das ist zunächst gründlich falsch, denn nach der Ansicht der Kenner hat es nie eine Lebensgemeinschaft gegebeu, in der das freie und zum Teil auch edle Menschentum sich so gegen die äußern Bande anstemmte, wie bei den Athenern, und Griechenlands Untergang führten ja schon die römischen Politiker auf deu Individualismus zurück, der der festen Organisation, dem Znsammenschluß widerstrebte; erst die Römer zeigten den Griechen, was ein Staat war und vermochte. Was anders hat denn die Renaissance, Steigers zweites Zeitalter, angezogen an den Griechen, als dieses höhere Menschentum, wie es noch aus ihren Schriftstellern hervorleuchtet! Dieses zweite Zeitalter soll „malerisch" sein, und weil Dante nach den Geschichtstabellen vor 1400 gelebt hat. allwo die Renaissance beginnt, so muß Dante die körperlose Seele in einen steifen Muttergottesmantel hüllen, während Ariost und Tasso Körper und Seelen malen. Was sind das für schiefe Verallgemeinerungen! Auch wenn Steiger niemals den Dante in der Hand gehabt hat, hätte ihn ein Blick in eine moderne italienische Litteraturgeschichte eines bessern belehren können. Und das Malerische — die Holländer waren viel „malerischer," was haben aber die mit der Renaissance zn thnn? Steiger läßt sein drittes Zeitalter anbrechen, das achtzehnte Jahrhundert. Bekanntlich hat man es immer als das litterarische bezeichnet und im Gegensatz dazu das uusrige als das naturwissenschaftliche oder exakte. Jetzt hören wir, daß es das musikalische sein soll, deuu es verkörpert sich in Bach, Mozart, Beethoven und — Waguer. Und jetzt befinden wir uns zu unsrer Verwunderung in dem vierten, dem poetischen oder dramatischen. Der Verfasser weiß, daß sein Traum, wie er ihn nennt, befremden wird; aber er wird ihn uns deuten.