Betrachtungen über das Drama, insbesondre das deutsche
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Wenn wir vor einiger Zeit bei einer Betrachtung der politischen Lage räch den Reichstagswcchlcn zu dem Schluß gelangten, daß die Sammlung aller über den materiellen Interessen stehenden gebildeten Männer in Deutschland um den Kaiser die Politik der nächsten Zukunft sein müsse, so springt auf dem Sondergebiet der Sozialpolitik die Berechtigung dieser Parole vollends in die Augen. Es kami dem Deutschen Reiche heute iu seinen schweren sozialen Noten und Wirren uur geholfen werden durch die Weisheit, Gerechtigkeit und hingebende Pflichttreue unsers Kaisers. Gott sei Dank, daß wir ihm vertrauen dürfen! Mögen sich endlich die Männer finden, die ihm diese große Verantwortlichkeit wirklich tragen helfen vor Deutschland und der Welt. Heute ist keiner da, auch nicht einer!
Betrachtungen über das Drama,
insbesondre das deutsche
enn es vorn nicht viel zu sehen giebt, so sieht man rückwärts. Je weniger das Drama der Gegenwart an und sür sich bedeutet und die Mehrzahl der Menschen befriedigt, desto häufiger wenden solche die über diese Dinge nachzudenken lieben, ihre Gedanken dem Drama der Vergangenheit zu. In derartigen Büchern wird aber meistens der Gegenstand nicht rein litterarhistorisch. sondern nut Rücksicht auf Ansichten und Bedürfnisse der Gegenwart behandelt, und das ist naturlich. Denn keine Litteraturgattung liegt gegenwärtig der Tagesmeinung so sehr am Herzen wie das Drama. Es hat Zeiten gegeben, wo das Theater mehr bedeutete als heute, aber niemals war die Gelegenheit. Aufgeführtes zu sehen und zu hören, so überallhin bis iu die kleiusten Nester verbreitet, niemals hat es so für jedermann mit dazu gehört, ins Theater zu gehen wie heute; für viele ist das neben der Zeitung der einzige Zugang zur Litteratur. So gewinnt das Drama als Gegenstand dieses Vergnügens an Interesse, und mag es viel oder wenig sein, was die Dichtung der Gegenwart hervorbringt, es wird immer noch weit mehr Beachtung finden, wenn es aufs Theater paßt, als wenn es nur Lyrik wäre oder gar Epos. Denn Lyriker sind heutzutage in Deutschland beinahe alle, oder sie könnten es doch sein, die Sprache dichtet für sie, haben ja schon Schiller und Goethe gesagt — es ist längst kein eigner Ruhm mehr, einen Band Lyrik gedichtet zu haben; man muß noch etwas außerdem leiste« und sein, um für etwas zu gelteu. Es sei denn, daß einmal ein wirklich be-