Die Verhandlungen des neunten Evangelisch-sozialen
Kongresses
(Schluß) 3
in ganz besondres Interesse, und zwar ein wirklich evangelischsoziales, bot die dritte Verhandlung: Die religiös-sittliche Gedankenwelt unsrer Industriearbeiter.
Der Vortragende, Pfarrer Rade, hat es in seltnem Maße verstanden, durch die Übertragung der äußern Form exakter Forschung auf das Gebiet der Gedanken und Empfindungen dem Bilde, das er entrollt, den Reiz der Lebcnswahrheit zu verleihen. Er hat den Weg der Umfrage bei den Arbeitern selbst gewählt, und in die Antworten selbst vermittelt er uns den Einblick. Wir werden jedenfalls bald weitern Versuchen ähnlicher Art in der Litteratur begegnen.
Der Vortrag beginnt wie üblich mit Statistik. Sechs Millionen Industriearbeiter hätten wir in Deutschland, davon wären vier Millionen evangelisch, zwei katholisch. Die männlichen Industriearbeiter machten über ein Drittel aller männlichen Erwerbsthätigen aus, über fünfzehn Prozent der Gesamt- bcvvlkeruug. Nicht alle Industriearbeiter aber will Rade in den Kreis seiner Beobachtungen ziehen, er sieht ab von den katholischen und will auch von den übrigen nur den Teil beobachten, „der entweder der Sozialdemokratic angehört oder der Sozialdemokratie angehört hat, oder in einer stetigen geistigen Auseinandersetzung mit der Sozialdemokratie begriffen ist." Damit sei, meint er mit etwas viel Zuversicht, das Gebiet „ganz fest umgrenzt," auf dem er sich zu bewegen haben werde.
Die Quellen der Beobachtungen, aus deren Ergebnissen sich das Bild der Gedankenwelt dieser nach Millionen zählenden Arbeitermasse zusammensetzt, sind folgende: drei Briefe eines jungen süddeutschen Arbeiters „in seinem Übergang vom Christentum zur Sozialdemokratie," an einen Freund gerichtet; zweitens „unwillkürliche Ergüsse der lebhaften Phantasie" eines „fertigen" Sozialdemokraten, die der Vortragende in der Form von bleistiftbeschriebnen Blättern von dritter Seite erhalten hat; drittens neun Bände sauber auf-