Die Verhandlungen des neunten Evangelisch-sozialen
Kongresses
ie Verhandlungen des neunten Evangelisch-sozialen Kongresses, abgehalten in Berlin am 2. und 3. Juni 1898, sind jetzt im Buchhandel") erschienen und sollen wie ihre Vorgänger an dieser Stelle etwas eingehender besprochen werden. Sie verdienen es, obgleich ihnen Effektstücke wie Oldenbergs Balkonentheorie und Schmollers Mittelstandsstatistik, die im vorigen Jahre viel von sich reden machten, sehlen. Die Gegenstände der Verhandlungen waren: Luthers Stellung zu den sozialen Fragen seiner Zeit (Vortragender: Privatdozent Licentiat Lezius in Greifswald); Arbeiterorganisation (Professor Dr. W. Stieda in Leipzig) und Die religiös-sittliche Gedankenwelt unsrer Industriearbeiter (Pfarrer v. M. Rade in Frankfurt a. M.).
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Der Vortrag über Luthers Sozialpolitik wie auch die Bemerkungen dazu, die aus der Versammlung heraus allein von Professor Harnack gemacht wurden, hatten hauptsächlich historisches Interesse; Nutzanwendungen für die evangelisch-sozialen Aufgaben der Gegenwart, auch da, wo sie nahe lagen, sind aus den mitgeteilten Äußerungen des großen Reformators so gut wie nicht gezogen worden. Luthers Forderung, daß die Geistlichen mit den Mitteln der Predigt, der Seelsorge und der Kirchenzucht ins Volksleben eingreifen, allen erwerbenden Klassen das Gewissen schürfen, Unbarmherzigkeit und Eigennutz unerbittlich bei Verlust der eignen Seligkeit bekämpfen sollen, hätte eine evangelisch-soziale Besprechung wohl verdient, auch wenn der Vortragende diese in der That „gewaltige" Aufgabe des Pfarramts eine „zum Teil unlösbare"
Verlag von Vcmdenhoeck und Ruprecht in Göttingen. Grenzboten III 1898
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