Friedrich Nietzsche
von <Larl Jentsch
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ie in der Einleitung bemerkt worden ist, genügt schon die Verlogenheit unsrer Zeit, höflicher ausgedrückt, der allgemeine Widerspruch zwischen Theorie uud Praxis, einen Geist wie Nietzsche zur Auflehnung gegen alle geltende Autorität, namentlich gegen die des Christentums zu reizen. Welcher tiefer Denkende Hütte nicht schon gedacht und empfunden, was Nietzsche an den folgenden Stellen ausspricht: „Wenn das Christentum mit seinen Sätzen vom rächenden Gotte, der allgemeinen Sündhaftigkeit, der Gnadenwahl uud der Gefahr einer ewigen Verdammnis Recht Hütte, so wäre es ein Zeichen von Schwachsinn und Charakterlosigkeit, nicht Priester, Apostel oder Einsiedler zu werden und mit Furcht und Zittern einzig am eignen Heile zn arbeiten; es wäre unsinnig, den ewigen Vorteil gegen die zeitliche Bequemlichkeit so aus dem Auge zu lassen. Vorausgesetzt, daß überhaupt geglaubt wird, so ist der Alltagschrist eine erbärmliche Ngur, ein Mensch, der wirklich nicht bis drei zählen kann, und der übrigens, gerade wegen seiner geistigen Unzurechnungsfähigkeit, es nicht verdiente, so hart bestraft zu werden, wie das Christentum ihm verheißt" (II, 128). „Ihr Frommen und Gläubigen, wenn der Glaube euch selig macht, so gebt euch auch als selig! Eure Gesichter sind immer euerm Glauben schädlicher*) gewesen als unsre Gründe! Wenn jene frohe Botschaft eurer Bibel euch ins Gesicht geschrieben wäre, ihr brauchtet den Glauben an die Autorität dieses Buches nicht so halsstarrig zu fordern: enre Worte, eure Handlungen sollten die Bibel fortwährend überflüssig machen, eine neue Bibel sollte durch euch fortwährend entstehen! So aber hat alle eure Apologie des Christentums ihre Wurzel in euerm Unchristentum; mit eurer Verteidigung schreibt ihr eure eigne Anklageschrift" (III, 56). „Nicht ihre Menschenliebe, sondern die Ohnmacht
^ Der Leser wird längst bemerkt haben, daß Nietzsches Stil nicht durchweg mustergiltig ist. ^°der sieht hier, daß er «was andres meint, als was das Wort besagt. Bei den Zitaten aus den letzten vier Bänden kann zur Entschuldigung dienen, daß sie Aufsätzen, Aphorismen und Bruchstücken entnommen sind, die er nicht selbst druckfertig gemacht hat; aber dieses hier ist aus »Menschliches, allzu menschliches/'