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Senectus loquax : Plaudereinen eines alten Deutschen
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Litteratur

O Eisenbahn, was bist du kommen? Hast unser Posthorn uns genommen!

klagte Scherenberg vor etwa fünfzig Jahren, als er den Bahnzng mit einem schnellen Leichenznge verglich. Um das Posthorn ist es in Wahrheit schade. Es rief so lustig alle Mädchen an die Fenster und setzte alle Gassenbuben in Trab, und der Reisende, der einen engen Ecksitz erobert hatte und dafür dem Neben­manne als Kopfpolster dienen mußte, ließ sich doch lieber durch das schmetternde Horn wecken als durch den vielfältigen Bahn- und Bahnhofslärm. Der künstlerische Ehrgeiz der Postillone wurde gelegentlich durch Verleihung silberner Trompeten aufgestachelt, und wenn sich der Postknecht im Liede auch einenarmen Wicht" nannte, klagte er doch nichtgleich eines Glöckleins bangem Ton" wie seine russischen und südslawischen Genossen, sondern blies lustige Stückleiu. So leicht und schnell und wohlfeil konnte man damals freilich nicht reisen, doch hatte man mehr Gennß von der Landschaft, von Dörfern nnd Städten, hatte noch nicht solche Eile nnd Ruhelosigkeit und wußte vou der Reise vvu Meinet noch Danzig (wie Hermes) oder nach Brannschweig (wie Knigge) viel mehr zu erzählen, als heute mancher von Berlin zum Nordkap oder nach Palermo.

Litteratur

Der Werdegang des deutschen Volkes. Historische Richtlinien für gebildete Leser von Otto Kaemmel, Zweiter Teil: Die Neuzeit. Leipzig, Fr. Will). Grunow, IM»

In diesem zweiten Teil des verdienstvollen Werkes entfaltet sich die War­st ellungskunst des Verfassers noch glänzender als im ersten (siehe deu vierten Band des Jahrgangs 1896 S. 341). Es gelingt ihm, die Verkettung der politischen Ereignisse mit den wirtschaftlichen Umwälznngen, den technischen Fortschritten, den wissenschaftlichen, ästhetischen, religiösen Strömungen so Aar zn machen, daß man deutlich sieht, wie jeder spätere Zustand aus dem vorhergehenden entspringt. Meisterlich sind namentlich die bei aller Kürze für Leser, die keine fachwissen- schnstlichen Zwecke verfolgen, den Gegenstand erschöpfenden Abschnitte über die Wandlungen der Kriegfnhrnng und über die den modernen Staat schaffenden Reformen der Verwaltung, namentlich in Brandenburg-Preußen. Als Probe davon, wie sicher Kacmmel den Kern der Dinge erfaßt, mag die Seite 3S1 dienen, wo er aus der Bewegung von 1848 das Faeit zieht:In Entwürdigung nud Schmach, in tiefer Verbitterung und fressendem Groll ging dieser stürmische Anlauf nach Deutschlands Einheit zn Ende. Aber die Erfahrung blieb unverloren, daß er cm drei Klippen gescheitert war. Zunächst hatten sich die vorwärts drängenden Kräfte im Volke nicht mit den beharrenden der Negierenden auf einer geineinsamen Grund­lage zusammengefunden, vornehmlich, weil ein Todfeind des deutschen Volkes, der Doktrinarismus, sie auseinander gehalten hatte, ans der einen Seite der konservativ- romantische, der das Recht des geschichtlichen Lebens verkannte, ans der andern der liberale und radikale, der den monarchischen Charakter der politischen Entwicklnng Deutschlands verkannte. Sodnnn hatte das Preußische Königtum, obwohl durch die Natur der Dinge zur Leitung bernfen, die Kraft nicht gefunden, diese rechtzeitig