Madlene
Erzählung aus dem oberfränkische» Volksleben von I, i.^. Löffler
(Forischunn» ^. Die verinaledeite Welt
ie Welt. — Sie ist weit nnd groß und erscheint dem oberflächlichen Beobachter als die Fläche eines bunten, reichen Lebens, aus dem man bei einigem Geschick, mit Klugheit und List ausgerüstet, nach Herzenslust sein Teil herausnimmt. Aber dabei gestaltet sich die Welt zu einem Netz, geflochten aus Geschick, Klugheit und List, worin mancher unrettbar hangen bleibt. Und nun gehen ihm Abgründe auf, tief und grausig, vom Giftqualm der Leidenschaft, Eigensucht, Bosheit und stinkender Fäulnis durchwogt, daß ihn die Verzweiflung schüttelt. Das ist die vermaledeite Welt.
Unser geschichtsloscs Dörflein hat keine Mauern und verschließbaren Thore und Schutzgräben; es liegt so blank uud bloß da wie ein Lerchennest. Aber gegen wuchernde Ausläufer der vermaledeiten Welt hat es einen Wall, über den nur der Wind kümmerliche Keime schmuggelt. Dieser Schutzwall besteht in dem von den Uralten vererbten Glauben und Brauch. Am deutlichsten erkennbar wird er in Leid und Frend, bei Tod nnd Tanz. Da sehen nnd fühlen sich alle im Urerbe, in Glauben und Brauch, als Zusammengehörige, als Zweige eines Stammes, nn denen Mitgefühl, Liebe uud Treue, Humor und Witz als immergrüne Blatter fpielen.
Der 28. Oktober ist angebrochen. Im Osten verkündet ein roter Saum am Horizont einen sonnigen Tag. Hinter einem offenstehenden Fenster des Müsers- hnuses steht Madlene. Vom Ma'ienvlan herüber schallt das grollende Geplätscher des Brnnnens nnd mischt sich mit dem Schnurren des Katers ans dem warmen Südgeltendeckel, nnd die Schwnrzwdlderiu streut mit ihrem Ticktack Zeitschnitzel dazwischen. Aber diese einförmigen, scheinbaren Unendlichkeiten werden plötzlich übertönt vom „Morgensegen," der vom Maieu aus dem anbrechenden großen Tag die Weihe verleiht. Es ist für diesen Tag die erste That der Musikanten, die' sich geräuschlos aufgestellt haben und einen Chornl blasen. Uud wer ihn hört — ob am offnen Fenster oder noch im Bett —, faltet mit Jnbrnnst die Hände. So wird durch deu Glauben der Brauch gestärkt.
Auch Madlene hat die Hände gefaltet. Ihr wird dieser Morgensegen zum Brautsegen. Zum erstenmal als Braut sieht sie den Tag anbrechen. Über Nacht