Litteratur
Naturvölker und Kulturvölker, Ein Beitrag zur Sozialvsychologie von Alfred Vicr- kaudt, Leipzig, Duncker und Humblot, 18!)ti
Jeder von uns ist ein Gemisch von Zügen der Naturvölker nnd der Kulturvölker, darauf beruht das große persönliche Interesse, das dieses gründliche und klar geschriebne Buch bei jedem denkendeil Leser erregen muß; sür Ethnologen und Historiker ist es ein Handbuch, dessen Verständnis die Boraussetzung für jede reife Arbeit aus der Geiftesgeschichte ihrer Gebiete ist. Die Psyche der Naturvölker und der Kulturvölker wird durch keine scharfe Grenze geschieden, aber bei jenen überwiegen unwillkürliche Handlungen, bei diesen willkürliche, dort herrscht spielende, hier orgnnisirte Energie, dort Leidenschaft, hier Besonnenheit, dort ein Sich- beflimmenlassen durch die Außenwelt, hier das umgekehrte Verhältnis — ein abseits liegendes, aber doch schlagendes Beispiel hat Egli in der geographischen Namengebung nachgewiesen: man vergleiche das umgekehrte des Verhältnisses in den beiden Namenpaaren Grunewald und Bismarckarchipel und Frankfurter Straße und Goethestraße. Alle jene Unterschiede zwischen Natur- und Kulturvölkern sind keine Gegensätze, sondern bedeuten eine Zunahme des Geistigen auf feiten des Kulturvolks. Sie ist zugleich ein Fortschreiten vom objektivern zu einem mehr subjektiven Dasein: z. B. tritt auf ethischem Gebiete an die Stelle der Sitte die Sittlichkeit, an die Stelle der Furcht vor der Strafe das Gewissen, Hier dürfen wir vom Fortschritt sprechen. Vierkandt enthüllt freilich auch schonungslos die Einbußen, die gewöhnlich mit „höherer" Kultur Verbünde» sind: Schwächung des Willens (die Männer in Goethes und dagegen in Shakespeares Dichtungen — mit Ausnahme Hamlets, den Bierknndts „Vollkultur" für sich in Anspruch nehmen dnrs), Verblassuug der Religion zur Moral und Mechanisiruug, die bei unbedeutenden Dingen eine allgemeinem Fortschritt günstige Erleichterung ist, bei bedeutenden ein Fluch.
Wir wollen das gedankenreiche Buch nicht weiter auspflücken, der Leser nehme es selbst zur Hand. Wenn nicht alles ausgemacht ist, was es bringt, so ist doch alles anregend. In einer so schwierigen Frage wie der der Rnssenbegabnng schiebt der Verfasser einmal der Rasse zu, was Sache der Entwicklung ist, wenn er die Poetische Form des Parallelismus für semitisch erklärt: alles, was er da über die »eiftige Art des Pnrallelismus sagt, paßt Wort für Wort auf die Variationstechnik der altgermauischeu Epen. Über die Aussichten sür das Weiterleben von Kunst und Religion iu unserm deutschen Kulturvolk deuken wir anders als Vierkandt, der beide von der Vollkultur auf den Aussterbeetat gesetzt erklärt — wir können einen solchen Zustand ebeu nur als moderne Halbkultur bezeichnen. Freilich die Zahl der Weitergehenden wird wohl immer kleiner wie die Pyramide nach oben immer schmäler, nnd das Los des Werdenden immer euttnuschuugsvollcr.
Zur Rassen- und Sozialhygiene der Griechen im Altertum und in der Gegenwart, Von Dr, Ferdinand .H«ppc. Mit !< Abbildungen in» Text. Wiesbaden, C. W. Krcidels
Verlag, lM7
Auf deu wenig über hundert Seiten dieses Buches ist so viel aus allen mög- lichen Gebieten des sozialen Lebens, der Geschichte usw. des alten und des neuen