Beitrag 
John Brinckman :
(Schluß)
Seite
289
Einzelbild herunterladen
 

John Brinckman

289

an das Holsteinische Klans Groths anlehnt. , Bedenklicher sind plattdeutsche Bildungen wie Entschleetnng ^ Entschließung und ütcrst äußerst; so spricht kein Mecklenburger. Überdies sind diese Umformungen nicht einmal glücklich. Da hat Reuter dem natürlich auch manches nicht gelungen ist, z. B. up- rapen aufraffen mit dem Worte Tiding für Zeitnng einen viel bessern Wurf gethan: diese Nenbildung zeigt echt plattdeutsche Bestandteile und wird sich mit der Zeit wohl einbürgern.

Brinckmans Vorliebe für den Seemann und seine Sprache hängt mit dem größer» Ernst seiner ganzen Natur zusammen. Wie der auf dem Meer von steter Lebensgefahr bedrohte Schiffer weniger zum Humor neigt als der sorgen­freiere Landmann, so hat auch Brinckman nicht die fröhliche Laune Reuters. An sich erwächst natürlich dem Dichter aus seiner ernstern Anlage kein Vor­wurf, zumal wenn sie so schöne und tiefe Schöpfnngen hervorbringt wie den General-Reeder" und viele Gedichte desVagel Grip." Andrerseits muß freilich zugestanden werden, daß das Plattdeutsche seiner Natur uach mehr zum Lustigen und Komischen neigt, und daß deswegen der Humor einen breiten Raum in allen niederdeutschen Schriftwerken einnehmen sollte. Anch Brinckman hat ja Humor, echten Humor, aber doch nicht in dem Maße wie Reuter: und das ist der zweite Grund, weshalb er bei seinen Landsleuten und iu weitern Kreisen weniger bekannt nnd beliebt geworden ist. Den meisten ist Brinckman zu ernst. Es mag sein, daß auch das wirklich urteilsfähige Publikum durch Renter verwöhnt worden ist; jedenfalls hat es den Humor sehr bald als not­wendigen Bestandteil der Plattdeutscheu Prosa empfunden und verlangt. Reuter hat eine Beweglichkeit der Phantasie und einen überquellenden Humor, wie wir es in dieser Vereinignng kaum bei einem andern Dichter wiederfinden: er überschüttet uns mit köstlichen Einfüllen, wie jener wunderliche alte Mann des Rückertschen Gedichts, der aus den Falten seiner Kleidung allerlei bunten Tand und herrliche Spielsachcn schüttelt. Mau schlage eine beliebige Seite derFranzosentid" oder derStromtid" auf, und man wird sich davon über­zeugen. Dagegen ist Brinckman fast schwerfällig. Er scheint freilich immer hohe Anforderungen an sich selbst gestellt zu haben, aber man merkt ihm doch auch au, daß er langsamer schafft. Es fehlt ihm die große, lebendige Gestaltnngs- kraft und das Temperament Reuters. Einzelne von seinen kleinern Sachen sind ihm ja meisterhaft gelungen, wie denn überhaupt in der kleinen Erzählung oder Novelle seine Stärke liegt. Aber zu größerm reicht seine Kraft nicht ganz aus.

Also nicht deswegen, weil er zu spät gekommen ist, und weil ihu das Lebe» gehemmt hat, ist Brinckman weniger berühmt geworden als Reuter, sondern weil er ein andrer war und ein geringerer. Reuter hat nicht nur mit größerer Zähigkeit und mit einer fast unverwüstlichen Kraft noch traurigere Verhältnisse wenigstens soweit überwunden, als es ihm möglich war: er hat sogar während des unablässigen bösen Kampfes mit sich selber einen Neichtnm dichterischer Gaben entfaltet, wie sie in dieser Anmut, Stärke und Unerschöpf­lichkeit selten gefunden werden. Aber neben ihm darf Brinckman als ein Stern zweiter Ordnung gelten. Höher freilich können wir ihn trotz seiner Vorzüge nicht schätzen, obwohl ihn andre, z. B. Seidel und Trojan, Reuter gleichstellen mochten. Eine solche Beurteilung kann ihm nur schaden, weil der Leser dann mit Ansprüchen au seine Werke herantritt, denen er nicht gerecht zu werden vermag. Deshalb bin ich auch in der Gegenüberstellung der beiden Mecklen- Grenzbotcn IV 1897 37