84
Otto Gildemeisters Lssays
Theismus. Hier ist der persönliche Golt der absolute objektive Wert und als solcher das höchste Gut, zunächst für sich, dann für die Geschöpfe, die ihn unmittelbar anschauend oder mittelbar in seinen Gaben genießen. Und ganz schüchtern bekennt sich auch Wundt zu dieser Auffassung, indem er seine Philosophie mit der Ästhetik krönt und bemerkt, die Lehre von den absoluten objektiven Werten werde durch die ästhetische Auffassung der Dinge bestätigt, denn deren Gegenstand werde „einzig und allein um seiner selbst, nicht um fremd-, artiger Zwecke willen begehrt." Ist es nicht Hedonismus, etwas zu begehren uud sich durch das Erlangen des Begehrten, d. h. in diesem Falle durch die Anschauung, befriedigt zu fühlen? In der That, die Schönheit iu der Welt leistet uns Gewähr dafür, daß es objektive Werte giebt, und daß das Absolute hinter der Weltbühne kein Ungeheuer, sondern ein gütiger Gott ist.
-L. I.
Otto Gildenleisters Essays
MW ^M/
Neue Folge
ir haben vor längerer Zeit Gelegenheit gehabt, an einem ersten Bande Gildemeisterscher Essays unsern Lesern zu zeigen, wie ein guter deutscher Essay beschaffen seiu müsse, und machen uns heute das Vergnügen, die Beobachtungen an einem neuerschienenen Bande: Zweiter Band (Berlin, W. Hertz) fortzusetzen. Jene Essays beschäftigten sich mit thematisch gefaßten, allgemeinen Fragen, diese haben geschichtlichen und biographischen Inhalt. Wir gehen aus von dem Essay „Macciulay," weil er den hervorragendsten englischen Essayisten zum Gegenstaude hat. Das Wesen dieser Kunst konnte kaum besser gezeigt werden, als indem uns Mamulays Aufsatz über Machiavelli vorgeführt wird. Der feruabliegendc Gegenstand, eine den meisten nur dem Namen nach bekannte Person mit einem sehr engen, nationalen Lebensinhalt hatte keinerlei Zusammenhang mit den englischen Interessen der Zeit, in der der Aufsatz erschien (1827), und als Gildemeister zum erstenmale seinen Essay veröffentlichte (1860), hatte man in Deutschland zwar Macaulay längst schätzen gelernt, Machiavelli aber au nnd für sich hätte hier ebenso wenig Teilnahme erwecken können als dort dreißig Jahre früher. Und genau so ist es heute nach einem weitern Menschenalter: was ist nns Machiavelli als Mensch für sich, wenn wir ihn nicht