268
Jeremias Gotthelf
Das ist ja alles Unsinn, wird der Leser sagen, und wahrscheinlich hat er Recht, aber er wird einsehen, daß einer, der diese Erwägungen angestellt hat, keine Lust mehr haben kann, Religionsunterricht zu erteilen. Übrigens aber sind diese Erwägungen weder etwas neues, noch Gehirnausschwitzungen weniger Querköpfe. Die Ketzer aller Jahrhundete — und deren Zahl ist wahrlich nicht klein — sind in ihrer Opposition gegen die Kirche von diesen und ähnlichen Gedanken ausgegangen, und Gottfried Arnold, des frommen Speners Schüler, hat in seiner berühmten „Unparteiischen Kirchen- und Ketzerhistorie" ganz entschieden für die Ketzer Partei genommen und nachzuweisen versucht, daß das wahre Christentum immer nur bei ihnen und niemals bei den herrschenden Kirchen sei; er war schon in jungen Jahren zu dieser Erkenntnis gelangt, die ja natürlich nur mit Einschränkungen wahr ist, und hatte deshalb auch kein kirchliches Amt angenommen, weil bei dessen Führung „doch alles nur auf ein opus ox<zrawin hinauslaufe," auf äußerliche Leistungen, denen der Geist Christi fehlt.
Ieremias Gotthelf
von Adolf Bartels
1
u den deutschen Dichtern, deren hundertjährigen Geburtstag man in diesem Jahre feiern kann, gehört auch Jeremias Gotthelf oder Albert Bitzius, der Pfarrer von Lützelflüh im Kanton Bern, geboren am 5. Oktober 1797 in Murten. Aber man scheint Bedenken zu tragen, den Schweizer Pfarrer unter die jubiläumswürdigen deutschen Dichter einzureihen, wenigstens fand ich in dem Jubiläenverzeichnis, das die Tageszeitungen zu Anfang jedes Jahres zu veröffentlichen pflegen, seinen Geburtstag vielfach uicht angemerkt. Ich wunderte mich nicht sehr darüber. Gotthclf ist eine Erscheinung, mit der die Litteraturwurstler, mögen sie nun Professoren der Litteraturgeschichte oder Feuilletonredakteure oder geistvolle Damen sein, nie sehr viel anzufangen gewußt haben; deshalb steckten sie ihn in die Klasse der ästhetisch kaum in Betracht kommenden Volks- schriftsteller. Heute vollends, wo man in weiten Kreisen ganz ernsthaft an eine von Anfang der achtziger Jahre datirende, völlig neue deutsche Litteratur glaubt und alles mißachtet, was uicht deu Berliner Stempel hat, hat man