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Gottfried Keller und seine Novellen :
(Schluß)
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Gottfried Keller und seine Novellen

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einem etwas eingebildeten Jüngling, einige Geschichten erzählt, um seine Sucht nach Originalität zu heilen und auf den rechten Weg bürgerlicher Tüchtigkeit zu leiten. Glücklicherweise ist dieser trocken lehrhafte Gedanke dann in den Erzählungen selbst so gut wie aufgegeben, er drängt sich wenigstens, zum Vor­teil der Geschichten, nirgends hervor. Der junge Jacques und der alte Pate taucheu uur am Ende jeder Geschichte wieder auf, uud mit dem Schlüsse der dritten verschwinden sie ganz, sodaß die Geschichten von deuAufrechten" und vonUrsula" sür sich stehen. Die Rahmendichtung, an sich nicht bedeutend, ist auch nicht zu voller Wahrscheinlichkeit erhoben. Denn gleich die erste Ge­schichte von der Entstehung der Manessischen Minnesängerhandschrift, die in die Erzählung vvm Schreiber Hadlaub verflochten ist, enthält viel gelehrtes Material, das einem Erzähler nicht ohne weiteres zu Gebote steht.

Weit mehr durchgeführt ist die Umrahmung der verschiedenartigsten Ge­schichten imSinngedicht." Einerseits erfahren wir die Erlebnisse des jungen Gelehrten, der durch ein Logausches Sinngedicht vom Studirtisch ins Leben hinausgetrieben wird, umeine weiße Galathee" zu sucheu, diebeim Küssen errötend lacht." Andrerseits sind wieder Geschichten eingefügt, die mit dieser Idee gar nicht zusammenhängen, Geschichten, mit deren Erzählung sich nur die Hauptpersonen die Zeit vertreiben. Aber auch hier ist Keller seiner Fiktion nicht immer treu geblieben; er vergißt zuweilen ganz, wer erzählt, und das^ wird doch recht fühlbar. Auch in ethischer Beziehung. Was die märchenhafte Lucie dem sremden jungen Manne vorplaudert, ist stellenweise mindesteus un­fein. Keller merkt auch das Unwahrscheinliche zum Teil selbst und macht sich in Lueies Worten deu Einwnrf:Sie müssen sich nicht Wundern, daß ich diese Einzelheiten so genau kenne, ich habe sie sattsam von beiden Leuten erzählen hören." Noch schlimmer ist es mit der GeschichteRegine," die der junge Held dem Madchen erzählt, besonders das Ende, das er vorbringt, als die Dienerinnen schon zu Bett geschickt sind, und er mit ihr bis Mitternacht allein fitzt. Die Neroanekdote ist geradezu taktlos. Wo ist derartiges möglich?

Die Schwierigkeit, die in dieser Zusammenfassung von Erzählungen liegt, und die keineswegs der Wirkung entspricht, hat Keller auch gefühlt. Er kündigt in einem Briefe vom 9. September 1881 an, daß dies nun der letzte sogenannte Cyklus sei, den er mache.Man ist doch in mancher Beziehung genirt und beschränkt durch diese Form; immer muß man daran denken, wer erzählt und wem erzählt wird usw." Dennoch bilden dieSieben Legenden" auch eine Art Cyklus, schon dadurch, daßder Verfasser wie er im Vorwort sagt die Lust zu einer Reproduktion jener abgebrochen schwebenden Gebilde spürte, wobei ihnen freilich zuweilen das Antlitz nach einer andern Himmels­gegend hingewendet wurde, als nach welcher sie in der überkommenen Gestalt schauen." Sodann aber namentlich dadurch, daß eine gemeinsame Idee zu Grunde liegt, indem, wie er selber sagt (Brief vom 22. April 1860), die