384
Jenseits der Mainlinie
dem Eigennutz und der Gewohnheit stellt sich unsrer Sache nichts mehr entgegen, als daß jeder Tag für sie nur neue gestaltlose Anregungen gebiert, und daß wir nur immer fordern, ohne der Macht auch etwas zu bieten. Das nimmt Männer, die mit politischen Werten zu rechnen haben, gegen uns ein, unsre Mitwirkung zum Ordnungsprogramm wird sie günstiger stimmen.
Jenseits der Mainlinie
von <Larl Jentsch (Schluß)
ls ich bis hierher geschrieben hatte, fiel mir die vorjährige Nr. 49 des Altkatholischen Volksblatts in die Hand, worin ich folgendes las. Im Höhgaucr Erzähler hat der Landgcrichtsrat Veck in Offenburg (ob das der Weckebeck ist, weiß ich nicht) einen Rückblick auf die altkatholische Bewegung Badens veröffentlicht uud darin den Nachweis geführt, daß „der erste Anstoß zu einer altkatholischen Widerstandsbewegung gegen den zunehmenden Ultramontanismns in Baden schon 1865 erfolgt sei." Diese Bewegung vor 1870 „war rein politischer Natur. Die Glaubenssätze der römischen Kirche ließ sie auf sich beruhen; diese wurden weder angegriffen noch verteidigt. Das einzige, wornm es sich dabei handelte, waren die politischen Machtansprüche des Ultramontanismns; diese suchte man zu vereiteln und für das staatliche Leben des deutschen Volkes unwirksam zu machen. sBaden hat seinen Kulturkampf bekanntlich schon vor 1870 gehabt; den Anlaß gaben, wenn ich mich recht erinnere, die Streitigkeiten über die Besetzung des erledigten erzbischöflichen Stuhles; es wurde um dieselben Gegenstünde gestritten wie im spätern preußischen, der eine im größer« Maßstabe angelegte Kopie davon war.^ Das alles sschreibt der Altkatholische Bote^ giebt Herr Beck selbst zu und führt es weitläufig aus. Zugleich erblickt er hierin den großen Vorzug der frühern Bewegung vor der spätern. Denn was geschah? Nach Beendigung des vatikanischen Konzils wurde die Tendenz des badischen Altkatholizismus durch den Einfluß Döllingers geändert. An die Stelle des politischen Altkatholizismus trat ein religiöser, oder wie Herr Beck es ausdrückt, der Kampf gegen die ultramvntcmen Forderungen im politischen Leben wurde zur Unterströmung, dagegen die gegen die römische Verfälschung des religiösen Glaubens zur Oberströmung, und eben hierin erblickt Herr Beck