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Skizzen aus unserm heutigen Volksleben : neue Folge : 4. Ein Ehrenhandel
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Skizzen aus unserm heutigen Volksleben

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mich, Wilhelm. Dann haue ich dir eine hinter die Ohren. Das ist keine Satis­faktion.

Na, ich danke, sagte Wilhelm.

Wenn ich aber in militärischen Verhältnissen bin, das heißt Leutnant oder was drüber, dann schieße ich, dann ist es Satisfaktion. Wenn ich aber Förster bin oder sonst bloß ein Zivilist, und du beleidigst mich, dcmn haue ich dir das Fell voll. Aber das ist keine Satisfaktion.

Und wenn ich dir wieder aus Kollet komme

Dann giebt es eiue Hauerei und weiter nichts. Wenn ich den Stock nehme, daun ist es eine Hauerei, weuu ich aber das Rappier uehme, wie die Studenten, dann ist es eine Ehrensache. Ich bin aber mehr fürs Schießeu. Plauz! Fort mit dem Kerle!

Ist aber der Förster ein wütender Mensch!

Besonders, wenn er zehn Kognaks getrunken hat.

Ist ganz egal, sagte der Förster mit einer etwas uusichern Stimme. Fort mit dem Kerle! Reinliche Sache!

Und so weiter iu clulco intmituw.

Weun ich jetzt Viktor Hugo wäre, so würde ich ein paar Seiten daran wenden, zu schildern, wie die doppelte uugesühute Beleidigung auf der schlafende» Stadt lastete gleich einem Alp, wie die Sonnenseite stöhnte und die Schattenseite ächzte, und der alte wacklige Kirchturm seiu Haupt bedenklich hin uud her wiegte. Da ich das uicht biu, kaun ich in einfacher Prosa nur sagen, daß Pauuewitz am andern Morgen genau fo aussah wie tags zuvor, obgleich schreckliche Gerüchte bereits zur Fruhstückszeit durch die Stadt schwirrten. Um zehn Uhr srüh schritt sogar der kleine Brandes in Uniform über den Marktplatz, was stets geschah, wenn etwas besondres los war. Der kleine Brandes, eigentlich Doktor Brandes, war Philo­log, Lehrer an der Vorschule uud leidenschaftlicher Soldat. Leider war er klein von Person wie Zachaus und etwas rundlich geraten. Darum trug er hohe Ab­sätze uud rückte seine Wirbelsäule so sehr in die Höhe, wie es nur ging. Den größten Genuß bereitete es ihm, iu Uniform auszngehen. Die schlechte Welt be­hauptete, er lege sich am Abend vor Königs Geburtstage oder vor dem Tage, an dem in M. Liebesmahl gefeiert wurde, mit der Uniform ins Bett. Warum er an diesem Sonutag als Militär erschien, hat sich nicht ermitteln lassen, doch steht fest, daß er zu Llldicke, der Premierleutuant der Reserve war, gegangen ist und mit diesem eine lange Unterredung gepflogen hat.

Daß es am Abend auf der Kegelbahn zwischen Spriugstucke uud Schlegel zu einer Auseiuandersetznug gekommen sei, wußte biuuen knrzem jedermann. Man erzählte sich die Geschichte mit Eifer uud Ausdauer, wobei es ihr so ging wie dem Schneeball, den der Knabe im Schnee wälzt. Man erzählte schließlich, die beiden Streitenden hätten sich die ehrenrührigsten Dinge gesagt, ja sie hätteu sich Ohr­feigen angeboten. Es sei schauderhaft gewesen. Der Förster habe zuletzt mit dem Hirschfäuger dazwischeusvriugen müssen, um sie aus einander zu bringen. Der Herr Oberprediger erfuhr die Geschichte vom Küster in der Sakristei vor der Predigt, uud sie beschäftigte ihu so, daß er darüber einige der schönsten Stellen seiner Predigt vergaß. Die ganze Stadt entsetzte sich über das frevelhafte Be­nehmen ihrer angesehensten Mitbürger. Besonders war die Schattenseite beunruhigt. Schon beim Frühschoppen herrschte die Überzeugung, der Zwist müsse durchaus beigelegt werden, da sonst die Schattenseite in uuaufhaltbareu Zerfall gerate, und die Wahl des Stadtverordnetenvorstehers schwerlich zum glücklichen Ende gebracht