Jenseits der Mainlinie
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Tendenz, der einseitig gewordnen Kultur zu geben, was ihr fehlt. Wahre Kultur — hier steckt der Irrtum Mcicaulays und der Seinen — ist nicht bloß Verstandeskultur, das Leben ist nicht auf Begriffe zu ziehen, wie der Wein auf Flaschen, und ebenso wenig der Mensch. Darum wird zu allen Zeiten der Dichter sagen:
Und die Sonne Homers, siehe, sie lächelt auch uns!
Jenseits der Mainlinie
von Larl Ientsch
W
ch knüpfe an meine in dem vergangnen Jahre hier veröffentlichten und dann auch als Buch erschienenen „Wandlungen" an. „Habe Sie sich schon recht gut «angewöhnt?" wurde ich in Offenburg vier bis sechs Wochen lang gefragt oder vielmehr angesungen. Die melodische Sprache war mir mit dem Dialekt zusammen längere Zeit hindurch der interessanteste unter den neuen Eindrücken. Die Dialektverschiedeuheit verschleierte anfangs meine Schwerhörigkeit; die Leute wunderten sich nicht besonders, wenn ich sie nicht verstand, weil sie mich ebenfalls manchmal nicht verstanden. Bei einem meiner Antrittsbesuche traf ich die Frau allein, verstand ihr kein Wort, redete aber immer tapfer drauf los und empfahl mich nach zehn Minuten. Am andern Tage begegnete ich dem Manne, der sein Bedauern über seine gestrige Abwesenheit aussprach und hinzufügte: Und denken Sie, was meiner Frau passirt ist! Die ist nämlich eine echte Schwarzwcildcrin und hat Jhna kei Wort verstände! Nach einer Predigt in einem Dorfe des obern Schwarzwaldes fragte ich die Gemeindevorsteher, ob mich die Leute wohl verstanden haben möchten? Die jüngern, war die Antwort, die beim Militär gewesen sind, schon, die ältern meist gar nicht. Das Singen nimmt sich bei Frauen und Kindern sehr lieblich aus. „Mir singe doch ni—it?" sang eine Damengesellschaft im Chor, als ich das einmal äußerte. Weniger gut gefiel es mir bei den Männern. Als ich bei einer wichtigen Verhandlung einen hochangeschenen Kreisgerichtsrat seinen Spruch herunterleiern hörte, berührte mich das ganz seltsam, und eine im oberländischen Dialekt gesungne Predigt kam mir geradezu abscheulich vor. Das gab mir nun zu mancherlei Erwägungen Anlaß. Zunächst fragte ich mich: Ob wohl diese melodischen Menschen auch ein wenig Gift und Galle im