Die sterbende Dichtkunst
von Adolf Bartels
ie Behauptung, daß die Kultur die Dichtkunst nach und nach töte, ist schon oft ausgesprochen worden. So findet sich z. B. in dem Essay Macaulays über Miltou eine längere Ausführung, die mit Gründen mancherlei Art für diese Behauptung, wenn auch nicht in ihrer schroffsten Form, eintritt. Ich will sie im Auszuge hersetzen: „Wir glauben, schreibt der Engländer, daß mit dem Fortschritt der Kultur fast unvermeidlich ein Rückschritt der Poesie verbunden ist. Obgleich wir für jene großen Schöpfungen der Phantasie, die in dunkeln Zeitaltern erschienen sind, glühende Bewunderung hegen, so ist es für uns doch kein Grund, unsre Vewundrung zu steigern, weil sie in dunkeln Zeiten entstanden sind. Wir glauben im Gegenteil, daß es die wunderbarste und glänzendste Offenbarung eines echten Genies ist, wenn eine Dichtung in einem gebildeten Zeitalter entstanden ist." Gewöhnliche Beobachter schließen von dem Fortschritt der Erfahrungswissenschaftcn auf deu der nachahmenden Künste, aber das ist falsch; die fortschreitende Verfeinerung der Zeiten versorgt die Künste selten mit bessern Stoffen für die Nachbildung, und wenn sie auch die Instrumente der eigentlich bildenden Künste verbessert, die Sprache, das Instrument des Dichters, ist in ihrem ursprünglichsten Znstande am besten für seine Zwecke geeignet. „Bei Völkern wie bei Einzelnen findet zuerst die sinnliche Wahrnehmung der Dinge statt, und dann erst folgt das zergliedernde Unterscheiden durch den Gedanken. Von einzelnen Bildern geht der Fortschritt zu allgemeinen Begriffen über. Daher ist das Wörterbuch einer hochgebildeten Gesellschaft philosophisch, das eines halbgebildeten Volkes poetisch. Diese in der Sprache der Menschen sich vollziehende Veränderung ist teils die Ursache und teils die Wirkung einer entsprechenden Veränderung in dem Wesen der menschlichen Geistesthütigkeit, eine Veränderung, durch die die Wissenschaft gewinnt und die Poesie verliert. Zur Förderung der Kenntnisse ist die Verallgemeinerung durch den Begriff eine notwendige Bedingung, aber für die Schöpfungen der Phantasie ist das Jndividualisiren des Einzelnen ebenso unerläßlich. In dem Verhältnis, wie die Menschen an Wissen und Erkennen