Großniederland
n Deutschland hat seit dem Zerfall des alten Reichs stets eine Propaganda für die großdeutsche Idee bestanden, Großbritannien will sich weiterentwickeln zu einem größern Britannien, die slawische Welt verlangt nach einer Zusammenschließnng der verwandten Stämme, Italien sehnt sich, die Iwlm jrr<zäsvt,g, durch ein Gesamtitalien ersetzt zu sehen — kann man sich da wundern, daß auch in den Niederlanden der Wunsch laut wird nach einem „Großniederland"? In alten Zeiten schon waren die Niederländer vereinigt. Erst durch die Ereignisse unter Philipp II., die den Abfall der Holländer hervorriefen, wurde die Trennung herbeigeführt, die dann etwa zweihundert Jahre bestand. Nach dem Wiener Kongreß durch den Willen der Großmächte aufs neue vereinigt, wurden sie nach fünfzehn Jahren abermals auseinandergerifsen und führten bis auf den heutigeu Tag ein getrenntes Leben. Viele bedauern heute die Revolution von 1830 und möchten sie gern ungeschehen machen. Ihr Ziel ist eine wirkliche oder wenigstens eine ideale Wiedervereinigung. Sehen wir einmal zu, ob dieser Gedanke staatsrechtlich möglich ist, ob er sich verwirklichen läßt, und ob er für die betreffenden Länder zu wünschen ist.
Zunächst ist ja der Gedanke noch eine Lieblingsidee einiger Gebildeten, ähnlich wie in Deutschland früher die Studenten für ein einiges großes freies Baterland schwärmten. Aber bei den heutigen Verkehrsmitteln, der großen Verbreitung der Presse, den öffentlichen Kongressen usw. kann er sich entschieden leichter Bahn brechen, als das früher möglich war. Seit kurzem giebt es einen „Allgemeen Nedcrlandsch Verbond," der sich die Aufgabe gestellt hat, diese Annäherung herbeizuführen. Er ist über ganz Holland, Belgien und Südafrika verbreitet und giebt bereits eine eigne Zeitschrift (UoorlWäiÄ) heraus. Grenzboten IV 18R> 75