Maßgebliches und Unmaßgebliches
gerade vor sich gehen. Raffael läßt, halb träumend, alles mit sich machen. Da erscheint plötzlich wieder Vice, die mm von dem seltsamerweise aufgesparten Nest des Bechers sich selbst den Tod getrunken hat, und Raffael erklärt uuter allgemeiner Erregung seiner vornehmern Brant: „Ich gehöre einer Toten!" und damit fällt der Vorhang.
Raffael ist also von der Fvrnarina vergiftet worden. Das ist die Erfindung des Dichters. Ist sie — dem Eindrucke nach, den sie ans die Zuhörer macht — wahr? Ist sie schön? Möchte man, daß es in Wirklichkeit so gewesen wäre? Wer gewinnt etwas bei solcher Dichtung? Weder der Freund der Kunst, dem dadurch seine Kunstgeschichte verdorben wird, noch der Liebhaber des Schönen, der leer ausgeht, noch das große Publikum, das etwas falsches lernt. Paul Heyse nennt das eiu Tranerspiel! Wir wolleu nicht boshaft werden.
Wenn nur irgend etwas einzelnes noch wäre, »voran man sich erholen könnte. Aber nichts als künstlich hervorgesuchte Reminiszenzen aus Kunst und Litteratur. Nirgends wirkliches, überzeugendes Leben. Wie trivial und archäologisch ist es z. B., daß Raffael, als er den Giftbecher an die Lippen setzt, das viel gebrauchte nnd mißbrauchte Wort von Dante zitirt: „Kein größerer Schmerz, als des ent- schwundncn Glückes sich erinnern im Elend." Ein dramatischer Dichter hätte sich Wohl vor allem dessen erinnern können, daß der Satz, wie oft hervorgehoben worden ist, psychologisch genommen nicht einmal für richtig gelten kann.
Nach unserm Geschmack ist Panl Heyses Fornarina nichts als eine drcnnatisirte Künstlernovelle von geringem Wert. Wir glauben kaum, daß andre günstiger urteilen werden, und noch weniger, daß der berühmte Name des Dichters den Lesern einen Ersatz gewähren wird für die Enttäuschung, die sie an dem Inhalt der Dichtung erfahren müssen. Der Herausgeber aber wird, wenn er sein der Absicht nnd dem Plane nach beifallswürdigcs Werk lebensfähig erhalten will, vollends bei zehn Heften jährlich, uicht unr auf die Namen, sondern vor allem auf die Beiträge seiner Mitarbeiter zu seheu haben.
Maßgebliches und Unmaßgebliches
Drei Wahlschlachteu. Arendt uud vou Kardorff haben Glück. Hätte Bryan gesiegt, so würde man binnen einem Jahre genau erfahren haben, was bei der künstlichen Wertsteigernng des Silbers herauskommt, und der Währuugsstreit wäre entschieden gewesen. Das Volk der großen Republik hat sich zu dem gefährlichen Experiment nicht hergegeben, und so können unsre Silbermänner ihre Rolle als Volksretter vorläufig Weiter spielen. Daß sich beinahe die Hälfte der Nordamerikaner fürs Silber bis zur Tollheit hat erhitzen lassen, darf weiter nicht Wunder nehmen. Es ist das Schicksal der großen Völker unsrer modernen Welt, von Phrasen nnd Schlagwörtern genarrt zu werden, weil sie bei der uu- übersehbareu Größe und heillosen Verworrenheit ihrer Staatswesen die wirklichen Ursachen ihrer Leiden nicht so leicht zu ermitteln vermögen wie die Bürger eines