Beitrag 
Skizzen aus unserm heutigen Volksleben : Neue Folge : 3. Wie sich einer zwischen zwei Stühle setzte
Seite
228
Einzelbild herunterladen
 

Skizzen aus unserm heutigen Volksleben

Von Lritz Anders Neue Folge 5. Wie sich einer zwischen zwei Stuhle setzte

cnnuel Kraut und sein Pastor, der Pfarrer Schlehmil zu Groß­weizendorf, flihren mit einander aus der Stadt zurück. Samuel Kraut hatte au Friedheim und Kompagnie Hammel verkauft, und der Herr Pastor kam aus einer Pastoralkonferenz. Kraut brachte die Tasche voll Geld heim, und Pastor Schlehmil nußer einem heißen Kopf uud kalten Füßen eine neue Pastorale Aufgabe. Das war nun nichts besondres; brachte doch jedes Jahr eine solche Aufgabe, die gründlich erörtert und in Thesenfestgelegt" wurde, worauf alles mehr oder weniger beim alten blieb. Aber diesmal war die neue Aufgabe mit dringenderem An­spruch auf Beachtung gestellt worden. Bruder Nadecke aus Ladegast hatte gewaltig geredet und tiefen Eindruck gemacht. Es hatte sich um die Frage gehandelt, wie dem Eindringen der Sozialdcmvt'ratie auf dem Lande zu steuern fei. Bruder Nadecke hatte die Trägen nnfgerüttelt, die Schlafenden geweckt und alle an die heilige Pflicht gemahnt, ihre Herden mit Aufbietung aller Kraft vor dem Einbrüche der Wölfe zu schützen. Da der Sozialismus seiue Kraft iu der Orgauisativu habe, fo müsse mau sich ebeu auch orgcmisiren. Man müsse Vereine gründen, mau müsse die wohlgesinnten Arbeiter gegen die sozialistischen aufbieten, man müsse agitiren uud kvnspirireu, mau müsse klng sein wie die Schlangen, doch ohne Falsch wie die Tanben. Brnder Radecke hatte auch allgemeine Zustimmung gefunden, wenn auch einzelne der Meinung waren, daß die Frage nicht so brennend sei, wie angenommen wurde. Zu diesen einzelnen gehörte auch Pastor Schlehmil, der seiner Gemeinde sicher zu sein glaubte und von Sozialismus iu ihr noch nie etwas gespürt hatte.

Beim Dunkelwerden kamen Samnel Kraut und der Pastor in Großweizendorf au. Gleich am Eingange des Dorfes steht der neue Gasthvf. Hier hielt ein Omnibus; eine Menge Menschen, besonders Weiber uud Kinder, waren zusammen­gelaufen. Eben beförderte man eine halbe Mandel junger Kerle unter großem Hallo auf die Straße. An den breiten Schlapphüten uud den Ballonmützen, die sie trugen, und an einem gewissen frechen Benehmen waren sie leicht zu erkennen: es waren wirklich Sozialdemokraten, und zwarzielbewußte," die eben eine Agitations­reise durch die Dörfer beendet und dabei mehr getrunken hatten, als sie vertragen konnten. Im neuen Gasthof mnßte natürlich noch einmal eingekehrt werden. Als sie aber hier Lärm angefangen nnd ans Bismarck und das Heer geschimpft hatten,