144
Maßgebliches und Unmaßgebliches
zugleich im Biwak an, und lange zu warten hat in diesem Jahre sicherlich keiner brauchen.
Das wäre freilich auch gerade diesmal besonders empfindlich gewesen, denn das Wetter war die ganze Zeit über abscheulich. Der Gang der Übungen wurde aber — völlig kriegsgemäß — durch den fortgesetzten Regen in keiner Weise beeinflußt, und die Haltung der Truppen war trotz der zum Teil außerordentlichen Anstrengungen vorzüglich. Am Abend des 11. September besuchte ich das Biwak eines Infanterieregiments, das zum viertenmal hintereinander biwcikirte; um fünf Uhr früh war es aufgebrochen, um vier Uhr nachmittags zur Ruhe gekommen, und gerade in dem Augenblick, als die Erbswurstsuppe verteilt werden sollte — bei nassem Holz und feuchtem Boden ist das Kochen im Freien ein schwieriges Geschäft —, prasselte ein fürchterlicher Platzregen hernieder. Aber die Stimmung wurde dadurch nicht im geringsten getrübt. Die Kochkessel wurden rasch in die Zelte getragen, und die Verteilung ging dort so ruhig vor sich, wie beim schönsten Sonnenschein. Am nächsten Morgen traf ich dasselbe Regiment auf dem Marsch; man sah den frischen Gesichtern und dem blanken Putz die vierte im Regen verbrachte Biwaksnacht wahrlich nicht au. Das aber scheint mir die Probe aufs Exempel zu sein, denn in solchen Tagen lockern sich die Bande der strengsten Disziplin, die Überwachung hört auf, und das Pflichtgefühl des einzelnen Mannes bleibt allein in Geltung. Es mag dem Laien sonderbar klingen, ist aber nichtsdestoweniger wahr: solange unsre Leute noch im vierten Biwak ihre Sachen putzen, obwohl sie wissen, daß Regen und Schmutz in der nächsten halben Stunde den Glanz wieder verwischen werden, solange kaun das liebe Vaterland ruhig sein und stolz auf seine treue Wacht. Mit solchen Truppen läßt sich alles machen, denn ihre Tüchtigkeit ruht auf dem noch uncrschütterten Grunde der Disziplin.
Maßgebliches und Unmaßgebliches
Die Herrschaft der Masse über den Geist. Daß auch noch so viel gescheite Leute, wenn sie gemeinsam zu handeln gezwungen sind, oft nur einen einzigen Kollektivdummkopf cmsmachen, ist eine alte Erfahrung, aber daß eine ganze gescheite Nation toll werden und jahrelang toll bleiben sollte, vermögen wir trotz allem, was in Paris geschieht, immer noch nicht so recht zu glauben. Legten sich die Franzosen dem Russenkaiser wirklich nur in der Erwartung zu Füßeu, daß er ihnen helfen werde, Elsaß-Lothringen wieder zu erobern, so wäre das in der That reine Tollheit. Bei einem stolzen Adelsgeschlecht, dem eine Schmach wiederfahren ist, findet man es natürlich, daß sich seine Gedanken jahrzehntelang um