Religion und Verbrechen
Offnes Schreiben an Herrn Lesare Tombroso in Turin
Hochgeehrter Herr Professor, erzeihen Sie, wenn es ein evangelischer Geistlicher, also einer von den äüs mmorum Zsntium, wagt, sich auf diesem Wege mit Ihnen in Verbindung zu setzen. Veranlassung dazu giebt mir Ihr in der „Zukunft" veröffentlichter Aufsatz über „Religion uud Verbrechen," der bei manchem beachtenswerten, das er enthalt, in mehr als einer Hinsicht einer Berichtigung bedarf.
Es handelt sich um die Frage, welchen Einfluß die Religion auf die Zahl der Verbrechen ausübt. Bisher war ich der Meinung, daß ein religiöser Mensch unmöglich ein Verbrecher sein könne, und dachte, jeder andre müßte ebenso urteilen. Religion und Verbrechen — kann es einen größer» Gegensatz geben? Schließt uicht das eine notwendig das andre aus? Da muß ich min zu meiner Verwunderung bald von dieser, bald von jener Seite hören: Lieber Frennd, du irrst. Deine Ansicht ist lediglich eine Voraussetzung. Erfahrungsgemäß verhält sich die Sache beinahe umgekehrt: gerade religiöse Menscheu sind die schlimmsten und gefährlichsten, und die Religion dient nur zu oft als Deckmantel, verbrecherische Gesinnungen zu verbergen.
Das behaupten Sie nun in Ihrem Aufsatz allerdings nicht. Sie rühmen den religiösen Eifer, dem es zuzuschreiben sei, „daß in gewissen protestantischen Gegenden, wie in Genf und London, die Zahl der Verbrecher abnehme, weil er die unedlern Triebe bändige uud aufhebe und durch energischen Kampf Laster und unsittliche Neiguugen besiege." Sie bezeichnen das religiöse Leben als die Macht, die „in England unter fanatischen (!) Naturen, die sich unter den verschiedensten Bezeichnungen eifrig bestrebten, menschliche Seelen vom Untergang zu retten, unzählige Anhänger fände." Aber, sagen Sie, man darf sich auch entgegengesetzten Beobachtungen nicht verschließen. „So weit die freilich sehr spärliche Statistik reicht, kommen da, wo der Atheismus verbreitet ist, weniger Verbrechen vor, als eswris xg-ribus unter Protestanten und Katholiken, was sich vielleicht aus einer höhern Kultnr erklärt, dn in Europa der Atheismus zum größten Teil unter Gebildeten zu finden ist." Nicht minder ist es Thatsache, „daß wilde Völker, wie die Alfuru und die Scmtala, die keine Religion oder höchstens einen Gespensterglaubeu haben, von peinlicher Ehrlichkeit