Beitrag 
Unsre Volkstrachten
Seite
364
Einzelbild herunterladen
 

364

Die Alten und die Jungen

Gehaben freien Sinn und Schönheitssinn walten ließen, statt diese Dinge mit einer Gedankenlosigkeit zu behandeln, die endlich gegen jegliche Zerstörung und allen Verfall des Schönen und Ehrwürdigen rings um uns her stumpf machen muß.

Die Alten und die Jungen

Lin Beitrag zur deutschen Litteraturgeschichte der Gegenwart von Adolf Barrels (Fortsetzung) 7

in Gemälde der sogenannten Gründerzeit an dieser Stelle zu geben, wird man mir erlassen. Die meisten von uns haben sie noch mit erlebt und werden die scharfen Worte, mit denen sie zum Beispiel Adolf Stern charakterisirt: Wüster Genuß­taumel, sittliche Verlotternng, Lüsternheit und Gemütsroheit, materieller Dünkel, niedrige Geldanbetung gewiß unterschreiben. Ich war in jenen Tagen ein Knabe von zehn Jahren und lebte in einer kleinen holstei­nischen Stadt, aber cmch mir ist, so jung ich selber und so weltfern mein Geburtsort war, allerlei im Gedächtnis geblieben, was zeigt, daß die Zeit­krankheit auch in den entlegensten Winkeln des Reiches wirkte. Dennoch wäre es falsch, eine plötzliche Erkrankung des ganzen Volkes anzunehmen, wenn auch weite Kreise von einer Art Rausch ergriffen waren. Die Decadence war schon vor dem Kriege da; jetzt trat sie in abschreckender Weise zu Tage, aber doch namentlich in einer Gesellschaftsschicht, in der, die ich als die mo­derne Gesellschaft bezeichnet habe, und die wesentlich in den Großstädten zu finden war, dort aber anch im Vordergrunde stand und im Ganzen mit dem SchlagwortBildungspöbel" abzuthun ist. Die Schichten, die die eigentlichen Träger unsrer nationalen Kultur und Sitte waren, wurden von der Krank­heit nicht in dem Maße befallen, daß eine allgemeine Zersetzung eingetreten wäre, wenn auch die Epidemie alle Stünde und nicht bloß das internationale Gesindel ergriff. So war es denn noch möglich, die Krankheit zu unter­drücken, doch gelang es nicht, das Gift aus dem Volkskörper zu entfernen, es fraß weiter und schwächte den Organismus immer mehr; die Decadence dauerte trotz jenes Ausbruchs fort und erreichte erst eine Reihe von Jahren