Nein alter Nachbar
von Martin Böttcher (in Hamburg)
ch sehe sie noch, die altersgrauen Hänser des schleswigschen Städtchens, wo ich geboren wurde und heranwuchs; ich sehe sie noch mit den hohen, gezackten Giebeln, die der Straße zugekehrt waren, mit den traulichen Erkern und den schweren, seltsam geschnitzten Thüren. Ich habe sie später uoch oft gesehen, nachdem sie umgebaut und „mo- dernisirt" worden waren; aber in meiner Erinnerung stehen sie fest in ihrer ursprünglichen Gestalt, die lieben, altertümlichen, heimischen Giebelhäuser.
Und auch ihn sehe ich noch, unsern alten Nachbar, der trotz seiuer geblickten Haltung gewöhnliche Menschen um Haupteslänge überragte. Ich sehe ihn, wie er in der Thür des „toten Hanfes" erscheint, das dem unsern gegenüberlag, wie er mit gesenktem Blick und langsamen Schritten die Straße hinuntergeht. In der linken Hand trägt er sein Angelgerät; mit der rechten stützt er sich schwer auf eiuen wuchtigen Stock mit goldnem Knopfe. Er grüßt nicht und wird nicht gegrüßt. Auch ihn habe ich später noch oft gesehen, da war seine Gestalt aufrechter, sein Gang leichter, sein Blick freier geworden, er schien mit den Jahren jünger geworden zu sein; aber in meiner Erinnerung lebt er als der alte, müde Mann mit der gebückten Haltung nnd dem gesenkten Blick.
Er war mein vertrautester Freund, und in seinem Hanse habe ich glückliche Stunden Verlebt.
Es gab eine Zeit, wo ich ihn mit unsäglicher Furcht betrachtete und mich von ihm und seinem Hanse in gehörigem Abstände hielt. Er hatte ja mir und meinem Schwesterchen gegenüber der Popanz sein müssen, wenn wir nnartig gewesen waren. Aber dann knin die Zeit, wo der Glaube an die gransamen Kinderfeinde zu wauken begann, wo die Wißbegierde allmählich der Fnrcht ihre Macht raubte. Über das Wesen des Alten und über seine Umgebung war ein eigentümlicher Zauber gebreitet, der zum Nachforschen reizte. Ich erinnere mich noch deutlich des Abschnitts in meinem Leben, wo der kindliche Forschergeist mit der kindischen Furcht kämpfte, wo der Drang, Entdeckungen zu machen, nach nnd nach so lebhaft wurde, daß er mich znletzt antrieb, alle Rücksichten auf meine Sicherheit beiseite zu setzen und mich in Gefahren zn stürzen — in eingebildete Gefahren freilich —. damit er nur befriedigt würde. Wenigstens glanbe ich mich daran zu erinnern. Und wenn auch vielleicht das und jeues durch ein Loch des unzuverlässigen Gedächtnisses entschlüpft sein sollte, so ist es doch durch die häufigen und umständlichen Berichte meines Vaters wieder vollkommen ersetzt worden, und zwar so, daß ich jetzt nicht mehr weiß, was ihm und was mir gehört.
Das Nachbarhaus jenseits der Straße war wohl geeignet, einer lebhaften Phantasie Beschäftigung zu gebeu. Wie man erzählte, war es der Nest eines