Beitrag 
Von unten nach oben
Seite
511
Einzelbild herunterladen
 

Line Lhcircikternovelle

511

In der Richtung dieser Anschauung liegt das, was wir mit einem kurzen Ausdrucke die Kontinuität unsrer höhern Bildung uennen können. Diese Bildung selbst ist wieder durch gewisse äußere Verhältnisse bedingt, und dazu gehört nach unsrer Auffassung auch der jetzt so viel berufneBesitz," wenn man seine Bedeutung nicht über Gebühr steigert. Wer mit einem so begründeten Erbteil seiner Vorfahren in das geistige Leben seiner Zeit eintreten und ein­greifen kann, der hat es natürlich leichter, als wer von unten her in jene Kontinuität gewissermaßen einbricht. Um gleichen Erfolg zu haben, müßte des Emporstrebenden geistige Kraft bedeutender sein oder sein Glück größer. Weil uns nun das als eine Forderung der ausgleichenden Gerechtigkeit vor­kommt, so schreiben wir, wie es scheint, znnächst jedem Emporsteigenden leicht ein Talent zn, das er in Wirklichkeit gar nicht hat. Und weil dann für ihn das Mißlingen unausbleiblich ist, so machen wir zweitens meist die traurige Wahrnehmung, daß eiu zu schnelles Emporsteigen die erste Generation ihres Fortschritts nicht froh werden läßt. Wohl ihr, wenn das Glück der folgenden sie für die eigne Enttäuschung entschädigen kann!

Gine Lharakternovelle

or kurzem war iu einem Blatte zn lesen, der oder der deutsche Schriftsteller der Name ist mir eben entfallen habe in den letzten zehn Jahren das nnd jenes geschrieben, er gelte neuerdings für den ersten Vertreter der italienischen Charakter­novelle. Er stehe in dieser Beziehung sogar noch über Paul Hehse. Einen Augenblick rieb ich mir die Stirn: Hast du denn die letzten zehn Jahre geschlafen? Italienische Charakternovelle, was mag denn das sein? Ich tonnte mich wohl aus meiner frühern Kenntnis erinnern, daß kräftige Zeiten oder einzelne kräftige Menschen ein fremdes nationales Kostüm benutzt Hütten als Maske für Spott oder Kurzweil, auch im Ernst zum Gewände für eigne, tiefe Gedanken, aber das war doch alte, verjährte Litteraturkenntnis: Gil Blas,' Montesquieu, Lord Byron oder so etwas. Aber jetzt, seit zehn Jahren, italienische Charakternovelle?Nun ja, warum lesen Sies denn nicht," pflegte mein alter Freund S. mir bei solchen Anlässen zu sagen. Und wenn ich mirs dann gekauft oder sonstwie verschafft und es schließlich auch gelesen hatte und dann bei nächster Gelegenheit ihm anvertraute, daß ich doch eigentlich nicht