(Erfahrungen eines Patienten
ällt mir eine medizinische Kasuistik in die Hände, so denke ich: wie ganz anders würde das lauten, wenn der Arzt besorgen müßte, daß ihm die Kranken dreinreden könnten. Allzu oft nämlich wird das „Beobachtuugsmaterial" gebogen und gewendet, hier ein Umstand verdunkelt oder unterdrückt, dort einer uuters Vergrößerungsglas gebracht — je nach dein Bedürfnis des Herrn Verfassers, der sein Licht leuchten lassen möchte. Man erinnere sich nnr des Widerstreits der Meinungen beim Aufkommen eines neuen Heilmittels.
Wie wäre es, wenn der Patient einmal den Spieß umkehrte und eine Kasuistik seiner Ärzte zu liefern versuchte? Das Recht dazu würde man ihm um so weniger bestreikn können, als er der Auftraggeber des Arztes ist, und jede Leistung sich gefallen lassen muß, auf ihren Gehalt angesehen zu werden.
Allerdings ist es dem Laien uicht leicht, dem Fachmanne gerecht zu werden. Während dieser als Herr der Lage auftritt, mnß er erst den Faden suchen, der ihm durch den Wirrwarr der Thatsachen hindurchhelfe. Ich werde zu diesem Zweck die Maßnahmen meiner verschiedneu Ärzte mit einander vergleichen, wobei ich mir bewußt biu, daß es nicht bloß aus die Ausführung einer logischen Operation, sondern auch auf die Geltendmnchung einer gewissen Sachkenntnis ankommt, weil der Verlauf der Krankheit und mit ihm die Therapie schwanken kann. Ob ich, als ehemaliger Medizinaldroguist, mir diese Vorbildung zusprechen darf, bleibe dahingestellt; nötigerweise wird mich der Fachmann eines bessern belehren.
Dank meiner stetigen Lebensweise bin ich uie in die Lage gekommen, den Arzt wegen eines ernstlichen Leidens aufsuchen zn müssen, aber öfter habe ich mich an den Zahnarzt wenden müssen, und Ende vorletzten Sommers wegen einer unschuldigen Entzündung der Augcnbiudehaut (Koujuuttivitis) auch au den Augenarzt.
Nach Angabe der mich behandelnden Ärzte trat vorvorigen Sommer cm meinem damaligen Wohnort, einer norddeutschen Großstadt, die Koujuuktivitis epidemisch «uf, obwohl das Wetter feuchtkühl, also der Entwicklung von Hitze nnd Staub uicht günstig war. Die Krankheit erreichte bei mir iu etwa acht Tagen ihren Höhepunkt. Vorher hatte ich mehrere Tage fruchtlos mit Zinkwasser gekühlt.
Ich begab mich zu einem praktischen Arzt. Dieser wußte uicht, was er aus dem rotgecidcwteu Auge machen sollte, und verordnete, ohne den Augenspiegel oder die Lnpe zu Rate gezogen und ohne das obere Angenlid umgeschlagen zu habeu, Atropineinträllfelungen, dreimal täglich.
Da ich recht gnte Augen zu haben meine und das Jnnenauge offenbar nicht ül Frage kam, so ging ich am folgenden Tage zn einem Spezialistin. Dieser fand »körnige Konjnnktivitis" (ooqjrmotivitjs Kramiiosa). In Wirklichkeit war es, wie der Verlanf der Krankheit zeigte, nur die follikuläre Konjunktivitis (eonjunetivitis tolli- ^ulosiy, die im Anfang allerdings der ungleich gefährlichern körnigen zum Verwechseln ähnlich sehen kann. Wie ich nachträglich einem Lehrbnch der Augenheilkunde eut-