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Maßgebliches und Unmaßgebliches
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Maßgebliches und Unmaßgebliches

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Beispiel zu erinnern, das in den letzten Jahren gerade Anlaß zu heftiger Aus­einandersetzung gegeben hat. Man denke daran, wie viele Herzen dasgeboren von der Jungfrau" in ihrem Glauben beuuruhigt hat. Man denke aber auch, wie andrerseits konservative Kreise dies Wort als Eckstein ihres Glaubens bezeichnet haben, und eine ernstliche Beunruhigung kann eben nur entstehen infolge einer solchen Schätzung dieses Satzes. Eiuc ganze Anzahl unsrer Theologen halt es nun für erwiesen, daß eine übernatürliche Zenguug Jesu gar nicht anzunehmen sei (wahrhaftig uicht ausWuuderschcu," sondern lediglich aus Grund wissenschaftlicher Erwägungen). Die kirchlichen Behörden teilen diese Ansicht nicht, werden sich anch Wohl in nächster Zeit nicht dazu entschließen, sie anzunehmen, und so werden die Amtsentsetzungen fortgehen ganz uatnruotivcudigerweise, aber leider Gottes!

Nehmen wir aber einmal an, die ganze Kirche würde die Annahme eines Tages als Thatsache anerkennen müssen. Was würde die Folge seiu? Jeder selbständig in seinem Glauben gegründete Christ würde dadurch uicht ernstlich be­rührt werden. Aber die Millionen, denen man dies als Eckstein des Glaubens gepredigt hat, uud die es iu angelerntem Halbglauben hingenommen haben? Die große Menge des noch kirchlich geblicbnen Volkes, das wir wollen uns darüber nicht täuschen seinen Autoritäts- und Buchstnbeuglauben hat heute wie vor hundert Jahren, bei uns wie drüben bei den Römischen, diese große Menge würde in die furchtbarste Verwirrnug geraten, und wer hätte sich daun die Schuld zuzuschreiben?

Dieser gordische Knoten läßt sich nicht durch eine Gemaltthat zerhauen, nein, hier sollen eben Kirche und Schnle die Gemeinde iu langsamer, ernster Arbeit zu eiuem reinern, tiefern Verständnis darüber zu führen suchen, was wesentlich ist nn nnserm Glauben und was nicht, sollen zu einer reifern Auffassung vou unsrer Stellung der Bibel gegenüber führen, zu einem geschichtlich klareren Verständnis ihres Inhalts. Aber damit die kirchlichen Behörden solche Bestrebungen selbst svrdern, anstatt zu versuche» sie zu unterdrücken, mnß diese Forderung von unsrer konservativen,gläubigen," positiven (oder wie man sie sonst nennen will) Geist­lichkeit selbst erhoben werden. Als ein Beispiel dafür, daß dies nicht unmöglich >>t, möchten wir unsern Lesern bei dieser Gelegenheit die von Professor Schneder- "wnn in Leipzig verfaßte These (Schlußsatz zu seineu ueuu Thesen über Jesu Lehre vom Reiche Gottes) mitteilen, die das Sächsische Kirchen- und Schulblatt in einer seiner letzten Nummern gebracht hat. Sie lautet:Bei der gegenwärtig in unsern Kirchen und Schule» herrschenden Lehrweise wird von Jesu wirklicher Verkündi­gung und Lehre lein deutliches, wo uicht eiu falsches Bild gegeben, insofern deren geschichtliches Verhältnis zu den Gedanken des israelitischen bez. jüdischen Volkes nicht hinreichend klar gestellt wird. Infolge dessen besteht nicht nur die Gefahr, daß eigentümlich israelitische Angelegenheiten bei nns wie allgemein christliche, nnd veraltete Nebengedanken jeuer Zeit wie dauernd wertvolle behandelt werden, sondern kann auch das Verhältnis des Alten Testaments zum Nenen nicht richtig gefaßt und es kann die gesamte heilige Schrift, namentlich können die Briefe des Apostels Paulus nicht recht verstanden werden, sodaß die besonnene Würdigung der nun von ihrem geschichtliche» Boden losgelösten einfachen Lehren von der Rechtfertigung "UZ Glauben ohne des (mosaischen) Gesetzes Werke und von der entscheidenden Geltung der heiligen Schrift (Neuen Testaments) und selbst das schlichte Verständnis der Lehre von dein Werke uud der Persvu Jesu Christi (des Messias Jesus) ernstlich in Frage gestellt ist, um so mehr als mangels gründlicher Vertrautheit mit der Lehre Jesu unter uns judaiflische, pietistische und englisch-methodistische Einflüsse sich bei diesen wie bei andern Lehrstücken entstellend geltend machen. So-