Beitrag 
Maßgebliches und Unmaßgebliches
Seite
347
Einzelbild herunterladen
 

Litteratur

347

fungen cm den höhern Schulen beseitigt hat. Im Laufe der Jahre hatten sich bei den Prüfungen soviel Nbelftimdc, Störungen und unnütze Aufregungen eingestellt, daß die ganze Einrichtung zn einer wahren Plage für die Schüler, ja die Lehrer und selbst für die Eltern geworden war. Die Schüler wußten nicht recht, weshalb sie eigentlich für diese Prüfung, die keinen Einfluß auf die Zensnr und die Versetzung haben sollte, gedrillt wnrden. Die Lehrer verstanden nicht, wes­halb sie sich und ihre Schüler der Kritik eines zusammengewürfelten, oft sehr ur­teilslosen Publikums aussetzen sollten, da doch die fachmännisch gebildeten Aufsichts­behörden nicht allein das Recht, sondern sogar die Pflicht haben, jederzeit an ihrem Unterricht in der Klasse teilzunehmen und sich über die Leistungen der Lehrer ein Urteil zu bilden. Die Eltern endlich fühlten es als einen unangenehmen Zwang, doch auch bei diesen öffentlichen Vorführungen zu erscheinen, damit die Lehrer und der Herr Direktor nur nicht denken könnten, sie hätten kein Interesse für die Schnle. Da aber iu einem geordneten Haushalte weder der durch seinen Beruf in Anspruch genommene Vater noch die in der Wirtschaft vollauf beschäftigte Mutter vormittags in die Schnle laufen konnte, so Pflegte die Vertretung des Hauses irgend einer alten Tante, genannt Aulalia, übertragen zu werden. Vor eiuer solche» würdigen Gesellschaft alter Tanten pflegte sich dann die ganze Schulkomödie abzuspielen. Der mit Orden geschmückte Direktor schritt würdevoll einher, die be­frackten Lehrer, leicht gerötet von der Aufregung des Tages, bewegten sich geschäftig vor der stauuenden Gesellschaft nnd führten im Flüstertone alles ordnend die Klassen in die Aula. Audre saßen dumpf brütend an den langen Tischen und starrten auf ihre Weiße Wäsche oder auf die vor ihnen liegenden unzähligen Schul- Progrmnme. Andre wieder, die an der Vorführung nicht beteiligt waren, standen mit sarkastischem Lächeln an den Wänden und verwünschten die ganze Parade, deren Gankelwcrk sie genau kannten, und die ihnen soviel kostbare Zeit raubte. Denn die Komödie dauerte fast eine ganze Woche.

Dieser Unfng ist nuu in Preußen seit einiger Zeit glücklich beseitigt worden, uud es giebt wohl keinen verständigen Schulmann, der ihn wieder zurückwünschte. Anderwärts dauert er aber uoch fort uud wird, da man sich schent, preußische Eiurichtuugen im Schulwesen anzunehmen, wahrscheinlich auch noch ein paar Jahrzehnte fortdauern, bis die letzte Aulalia verschwunden, und man zu der Einsicht gekommen sein wird, daß es doch besser und erfolgreicher ist, in aller Stille eine Woche weiter zn arbeiten, als vor der Öffentlichkeit ein pädagogisches Effektstück aufzu- führeu. Wichtige geistige Arbeit ist zu ernsthaft und zu keusch, als daß sie eine öffentliche Schaustellung dieser Art vertrüge.

Litteratur

Das Elcnd in der Hausindustrie der Konfektion. Von Odo Olbern. Leipzig, Fr. Wilh, Grunow, 1896. Preis 1 Mark

Wie die Leser aus den Zeituugeu wissen, stehen Taufende von deutschen Kon- fektions-Arbeitern und Arbeiterinneu im Begriff, die Arbeit einzustellen; in einer Anzahl von großen Städten haben sie sie bereits eingestellt; die Bewegung geht von Berlin aus und hat bis jetzt vorzüglich Breslau, Stettin, Erfurt uud Hamburg ergriffe». In Breslau versammelte» sich am 5. Februar siebzehn von den be­troffnen fechsundzwanzig Unternehmern zu einer Beratung, bei der, wie es in dem