Andermanns neueste Dramen
ie vor und seit einem Jahrzehnt angekündigte große Revolution unsrer Litteratur hat die wunderbarsten Früchte gezeitigt. Sie hat zugleich den nacktesten Cynismus und das stärkste Raffinement entwickelt, die in irgend einer Litteraturperiode neben und gegen einander gewirkt haben, sie hat die sozialdemokratische Phrase von der ursprünglichen Gleichheit aller zweibeinigen Kreatur dicht neben die Phrase vom neuen Herrentum und vom Übermenschenbewußtsein''gerückt, sie hat die grammatischen Fehler der Alltagsrede, die fragmentarischen Laute des Stammlers und das Zischen des Zahnlosen „behufs Charakteristik" litteraturfähig gemacht und in wunderbarem Widerspruch mit der nackten Kopie abnormer Wirklichkeit einen neuen sstilo oulto erzeugt, iu dem Wort, Bild und Klang gleich unnatürlich sind. Sie hat die Bildung als solche zu ächten versucht und gleichwohl einen absonderlichen Vildungsdünkel wachgerufen, der jedem Einzelnen das Recht giebt, seine Zeitgenossen als Barbaren gering zu schätzen. Sie hat mit gewaltigem Getöse Originalität begehrt und ist nach einander bei der sklavischen Nachahmung von Zola, von Ibsen, von Tolstoi, von Jacobsen und Pontoppidan, von Bourget und Maupassant angelangt. Sie hat sich gegen die Autorität der klassischen Dichtung erhoben und ist eben dabei, die Mustergiltigkeit der Loheustein, Hosfmannswaldau und Ziegler zu preise». Vor allem aber, sie hat das litterarische, die Welt niederzwingende Genie, den litterarischen Bismarck gefordert und prophezeit (der freilich innerhalb von zehn Jahren zehn verschiedne Namen getragen hat) und ist am Ende höchlich zufrieden, wenn aus ihr ein paar Talente hervorgehen, die ernst genommen werden können, und bei denen überhaupt von einer Entwicklung die Rede sein darf. Die Bewegung hat sich darüber freilich zerspalten, und der gewöhnliche Gang aller Revolutionen läßt sich anch bei ihr beobachten. Sowie sich ein paar Schriftsteller ans dem engsten Kreise der Parteischlagworte und des sinnlosen Wütens emporhoben, ein paar Dramen und Romane das Interesse und die Teilnahme eines größern Publikums erweckten, splitterte sich von der Linken eine äußerste Linke ab, die mit verächtlichem Achselzucken von Zugeständnissen an das Philistertum oder deu ästhetischen Janhagel sprach. Sowie Hermann Sudermann in den Cottaschen Verlag überging und „hoftheaterfähig" wurde, begann von denselben Stellen her, von denen man früher die Dramen „Ehre" und „Heimat" rückhaltlos und überschwänglich gepriesen hatte, ein