politische Zeitbetrachtungen
enn die Publizistik ihre Hauptaufgabe, auf die Stimmung der Nation einzuwirken, erfüllen will, so mnß sie sich vorher notwendig über die augenblickliche Beschaffenheit dieser Stimmuug klar geworden sein. Die hauptsächlichste Erkenntnisquelle, die Tngespresse der verschiednen politischen Parteirichtungen, ist aber mit Vorsicht zu benutzen, da auch sie „Stimmung machen" will und als wirksamstes Mittel hierzu bewußt oder unbewußt den Kunstgriff gebraucht, die erst noch zu erregende Stimmung bereits für vorhanden, ja für herrschend zu erklären. Es ist deshalb nötig, bei ihr zwischen den Zeilen zn lesen und auch auf das zu achten, was sie verschweigt oder nnr beiläufig erwähnt, worüber sie besonders klagt oder wogegen sie besonders ankämpft. Das so gewonnene Ergebnis läßt sich dann im Gespräch mit politisch Gleich- und mit Andersgesinnten nachprüfen. Die Hanptsache bleibt aber, die Tagesereignisse möglichst objektiv ans sich wirken zu lassen. Wer sich dabei von Voreingenommenheit wirklich frei nnd zugleich in lebendiger Verbindung weiß mit den unsichtbaren und geheimnisvollen Kräften, die das Gemüt seines Volkes lenken, dem mag es gelingen, auch die Gruudstimmuug oder die Durchschnitts- empsindung der viri doni im Volke, oder mit andern Worten die öffentliche Meinung im guten Sinne zu erkennen.
Wir erheben nicht den Anspruch, diese Gabe der Intuition zu haben, und sind jedenfalls überrascht von dem verhältnismäßig rnhigen Verlaufe, den die Veratungen des unlängst eröffneten Reichstags genommen haben. Die Zurückhaltung, die gegenüber den Angriffen der Linken sowohl von der Regierung wie von den augenscheinlich in gedrückter Stimmung befindlichen Konservativen geübt wnrde, giebt hierfür keine genügende Erklärung. Auch nicht, daß der Minister, der ganz besonders zur Vernichtung der Svzialdemokratie berufen schien, unmittelbar vor Eröffnung der Session plötzlich nach Walhalla
Grenzboten I 1896 1