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eines Jndustriepatriarchen wie Krupp oder Stumm weit angenehmer und menschenwürdiger als die des vogelfreien Arbeiters, der ein paar Wochen auf eintägige Kündigung arbeitet und dann wieder ein paar Wochen bummelt. Wir finden, daß die politischeu Rechte ohne die Grundlage einer sichern wirtschaftlichen Existenz nur geringen Wert haben, daß die politische Gleichberechtigung aller uugeflügelten Zweifüßler den Spott verdient, mit dem sie Justus Möser überschüttet hat, und daß vernünftigerweise immer nur die Besitzenden Vollbürger sein können. Wir haben öfter den Gedanken ausgesprochen, daß der gegenwartige Zustand, wo man den Besitzlosen das Wahlrecht zu den gesetzgebenden Körperschaften durch die Verfassung einräumt, durch allerlei gesetzwidrige Kunstgriffe und Zwangsmittel aber soweit beschränkt, daß sie niemals eine ausschlaggebende Fraktion bilden können, obwohl sie schon die Hälfte der Bevölkerung bilden, daß dieser Zustand höchst unerfreulich und auf die Dauer unerträglich sei; es wäre besser, wenn man ihnen dieses Wahlrecht nähme, dafür aber sie alljährlich ganz frei Abgeordnete aus ihrer Mitte wühlen ließe, die vor der gesetzgebenden Versammlung die Beschwerden, Wünsche und Forderungen des Standes der besitzlosen Lohnarbeiter vorzutragen hätten. Ist das alles sozialistisch? Allerdings haben wir, worin doch wahrhaftig kein dem Sozialismus gemachtes Zugeständnis liegt, zur notwendigen Ergänzung dieser Ansicht hervorgehoben, daß wir auf eine derartige Umgestaltung des Rechts vor der Hand wenig Aussicht haben, daß das Erstreben des Ziels auf Schleichwegen (indem Polizei und Strafrecht die Herrschenden und die Beherrschten ungleich behandeln, ohne daß vorher die formelle Rechtsgleichheit abgeschafft worden wäre) höchst gefährlich ist, weil ein beständiger Widerspruch zwischen Recht und Praxis auflösend wirkt, daß die Brotherren, wenn sie die alten Herrenrechte wieder haben wollen, auch die alte Herrenpflicht der lebenslänglichen Versorgung des Knechts und feiner Familie wieder auf sich nehmen müssen, und daß neun Zehntel aller Herren, auch wenn sie die Einsicht und den guten Willen hätten, gar nicht die Mittel haben würden, ihren Arbeitern dasselbe zu gewahren wie Krnpp und Stumm.
Das also sind die Grundzüge unsrer Sozial- und Wirtschaftspolitik; ein großer Teil des gebildeten Deutschlands kennt sie, der andre Teil braucht nur nach den grünen Heften zu greifen, um sie kennen zu lernen, und nnn lassen wir den Herren, die uns als Sozialdemokraten verschreien, die Wahl, ob sie widerrufen oder ob sie den Vorwurf der fahrlässigen oder der böswilligen Verleumdung auf sich sitzen lassen wollen.
Auch der Blinde sieht ein, daß man uns zwar mit einigem Recht feudale Reaktionäre oder Manchesterleute schelten könnte (in der Vereinigung dieser Vorwürfe würde kein Widerspruch liegen; sind doch lange Zeit hindurch die adlichen Grundbesitzer die Träger des Manchestertums gewesen, und vermag doch überhaupt nnr der echte Aristokrat — in heutiger Zeit leider eine mrissimg,