Die reine Interessenvertretung
n den Grenzboten hat kürzlich jemand für die alten Parteien eine Lanze gebrvchen, denen man so oft nachgesagt hat, sie hätten sich eigentlich längst überlebt. Jener Freund des Alten meint, das Parteigetriebe werde zu allen Zeiten dadurch in Bewegung gehalten werden, daß ein Teil der Staatsbürger nach vorwärts dränge, während ein andrer Teil am Bestehenden hänge oder gar nach rückwärts strebe. Das ist unzweifelhaft richtig; nur geht es beim besten Willen nicht mehr an, diese beiden Gegensätze an die Begriffe liberal und konservativ zu knüpfen. Die konservativen Parteien sind z. B. dem Fortschritt auf sozialem Gebiet entschieden zugänglicher als der Liberalismus, der in jener Schattirung, die sich durch das Beiwort „national" kennzeichnet, sogar einen geschwornen Feind der Sozialreform stellt. Aber die Unzulänglichkeit der alten Parteinamen, ja sogar der alten Parteiprogramme ist nicht das schlimmste Übel, woran unser Parteileben krankt. Es leidet an dem viel bedenklichern organischen Fehler, der Reichsverfasfnng nicht zn entsprechen. Nun haben wir ja Parteien, die die Verfassung nnr als einen Notbehelf oder gar als ein leider nicht zn mngchendes Übel betrachten. Bon diesen Parteien ist es natürlich gar nicht vorauszusetzen, daß sie sich mit dem Geiste der Verfassung in Übereinstimmung befinden. Äber auch die Parteien, die es lieben, sich selbst als die staats- erhaltenden zu bezeichnen, bewegen sich nicht auf dem Boden der Verfassung. Der Partcimanu wird diese Behauptung natürlich mitleidig belächeln; wenn er sich aber mit uns in eine ganz kurze, vergleichende Betrachtung der modernen Staatswesen einlassen will, so geht ihm doch vielleicht ein Licht auf.
Das Junenleben des modernen Verfasfungsstaats wird wesentlich durch drei Faktoren bestimmt: das Staatsoberhaupt, das Ministerium und die Volksvertretung. Um nun keine graue Theorie zn treiben, erläutern wir das Ver- Grenzb'oten IV 39