Skizzen aus unserm heutigen Volksleben 2Z1
man der Kunst nie und nimmer eine bestimmte Richtung, die man für besonders sittlich, erhebend vder erziehend hält, aufnötigen. Noch niemals ist ihre Entwicklung durch Kultusminister oder Polizeipräsidenten oder katholische Theologen bestimmt worden. Sie hat sich noch immer selbständig ans den ihr eignen Lebensbedingungen heraus entwickelt. Möchten sich die maßgebenden Kreise unsrer Nation mit dem Wesen der Kunst möglichst vertraut machen, ehe sie versuchen, sie in eine bestimmte Richtung zu drängen, die gänzlich außerhalb ihres Wirkungskreises liegt.
Skizzen aus unserm heutigen Volksleben
von Fritz Anders Neue Folge 1^. Schulnöte
er Herr Schulrat Meyerhofer war aus dem Osten der Monarchie in eine der mittlern Provinzen versetzt worden. Als er seinen Bezirk bereiste, fand er zu seinem höchsten Erstaunen, daß das Schulwesen seines neuen Wirkungskreises gar nicht auf der Höhe stehe, die er > erwartet hatte, ja daß man im Osten der Monarchie eigentlich viel Zweiter sei als in der Mitte. Er beschloß also gründlich dazwischeu- Hufnhren und sein Schulwesen in Schwung zu bringen.
Ju dieser löblichen Absicht erschien er eines Morgens fast noch vor Tage im ^farrhnuse zu Affleben. Der Herr Pfarrer saß mit der langen Pfeife beim Kaffee und war tödlich erschrocken, als der fremde Herr gemeldet wurde. Die gute Stube War nicht geheizt, die Wohnstube wurde gerade gekehrt, das Studirzimmer war ^hr wenig einladend, und er selbst im Schlafrock und unrasirt. Der Herr Pastor suchte in seinem Geiste nach einem rettenden Answege, als der fremde Herr schon Treppe heraufgcstnmpst kam und die Frau Pastorin laut redeud beschwichtigte, '"'e einer, der zn befehlen gewöhnt ist. Das ist der ueue Herr Schulrat, sagte stch der Pastor. Er war es wirklich, ein grau melirter Herr, Haar, Bart, Über- ^her. Hose uud Aktentasche — alles grau melirt. Der Herr Pastor setzte eiligst l°'"e Pfeife beiseite uud suchte seine Brille.
Guten Morgen, Herr Pfarrer, sagte der fremde Herr, ich bin der Schulrat Meyerhofer und bitte um Entschuldigung, daß ich schon so früh störe. Ich komme '»°gen Ihres Lehrers Schluck.
Herr Gott, auch das «och! seufzte der Pastor iu seiner Seele und nötigte ö-M'ru Schulrat mit einem Eiser aufs Sofa, als wenn davon das Wohl der "Wen zehn Jahre abhinge. Die Frau Pastvriu kam mit Kaffee nn, deu der