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Politische Zeitbetrachtungen
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politische Zeitbetrachtungen

en frohen Jubelfesten sind die sauern Wochen der Tagespolitik auf dem Fuße gefolgt. Häßliche Skandale drohen die Deutschen um den Ruhm zu bringen, auch in der Politik auf persönliche Ehrenhaftigkeit gehalten zu haben. Peinliche Enthüllungen legen vor aller Welt die Minengänge politischer Drahtzieher bloß, und doch will die Entrüstung hierüber auch den Gegnern schlecht zu Gesicht stehen. Sie wissen zu gut, daß sie es im gleichen Falle auch nicht um ein Haar anders gemacht hätten. Dazu erhebt sich von neuem der Kampf der Interessen; Börse, Zucker, Spiritus, Tabak, Zunftzwang, Schutz der nationalen Produktion, Schutz der nationalen Konsumtion! tönt das Feldgeschrei, eine Zeit lang schien gar das Gespenst der Umsturzvorlage wieder sein Haupt erheben zu wollen, und das nächste greifbare Ergebnis der großen nationalen Erinnerungsfeier sind eine Reihe von Verhaftungen, Beschlagnahmen und Ma- jestätsbeleidignngsprozessen. Wahrlich, es gehört der ganze Glaube an die Lebenskraft unsers Volkes dazu, um das Vertrauen auf seine Zukunft nicht sinken zu lassen.

Der trübselige Anblick äußerster politischer Ratlosigkeit und Zerfahrenheit, den Deutschland gegenwärtig bietet, sollte den Deutschen wenigstens eins zum Bewußtsein bringen: den hohen Wert verfassungsmäßig gesicherter Einrich­tungen. Man stelle sich vor, dieser ungeheure Wirrwarr fiele in eine Zeit, wo die Nation zugleich berufen wäre, die Grundlagen ihres ganzen staatlichen Lebens zu bestimmen, oder diese Grundlagen wären durch einen gewaltsamen Eingriff in Trümmer geschlagen worden: Deutschland wäre heute nicht stark genug, die tiefen Gegensätze der verschiednen Bevölkerungsgruppen, den Kampf der wirtschaftlichen Interessen, den Hader der politischen Parteien und über Grenzboten IV 1895 1