T>ie Sozialdemokratie und die englischen Parlamentswahlen
ie liberale Partei des Vereinigten Königreichs hat bei den soeben abgeschlossenen Parlamentswahlen wohl eine beispiellose Niederlage erlitten. Die Mehrheit von 152 Stimmen, die die Konservativen und die liberalen Unionisten über die liberale Partei ^ haben, ist die größte, über die ein englisches Kabinett seit dem Jahre 1832 verfügt hat.
In dem ersten Taumel, den solch ein unerhörter Umschwung zur Folge hat, haben die englischen wie die deutschen Blätter durchweg, soweit ich zu sehen vermag, auch von einer großartigen Niederlage der Sozialdemokratie gesprochen. Die liberale v^ily ^svs schrieb: „Die unabhängige Arbeiterpartei hat ihre lächerliche Schwäche so sehr gezeigt, daß sich in Zukunft weder die Tories uoch die Radikalen mit ihr einlassen werden." Und deutsche Blätter der Ordnungsparteien sprachen die Hoffnung aus, die deutsche Sozialdemokratie werde von demselben Geschick ereilt werden wie die englische.
Diesem gutgemeinten Wunsche vermag ich mich nicht anzuschließen, denn er würde nichts andres bedeuten, als daß sich die Zahl der sozialdemokratischeu Wähler im deutschen Reiche in drei Jahren jedesmal um 133 Prozent vermehre. Wo aber soll dann im deutschen Reiche in neun Jahren noch eine Wahlstimme sein, die nicht sozialdemokratisch wäre? Bei der englischen Parlamentswahl des Jahres 1892 und bei den gelegentlichen Nachwahlen bis zum Jahre 1894 wurden zusammen in 11 Wahlkreisen 27566 Stimmen für die Svzialdemokratie abgegeben. In mehr Wahlkreisen konnte bis dahin die englische Sozialdemokratie die Aufstellung eigner Kandidaten überhaupt nicht
Grenzboten III 1895 56