Brasilien
ie Forderung, daß Deutschland Ackerbaukolonisation treiben müsse, braucht in diesen Blättern Wohl nicht mehr begründet zu werden. Steht aber ihre Richtigkeit bei uns fest, so soll man auch nicht zögern, Vorschläge zu machen, wohin man sich zn wenden habe. Der Versuch, das Interesse wieder für Brasilien zu wecken, wird vielleicht manchen von vornherein als verfehlt erscheinen, aber gerade weil dieses Vorurteil so ausgebreitet ist, will ich ihn machen; vielleicht gelingt es, doch den oder jenen zu überzeugen, daß die Einwände, die man gegen Pläne erhebt, die sich auf jenes Land richten, auf falschen Voraussetzungen beruhen, oder vielmehr, daß es ein Leichtes ist, die Hindernisse, die heute thatsächlich der Einwanderung entgegenstehen, zu beseitigen.
Seit längerer Zeit steht Brasilien sür alle, denen das Wohl und Wehe der deutschen Volksgenossen im Auslande am Herzen liegt, im Vordergrunde der Teilnahme. Noch immer ist der Bürgerkrieg nicht beendet, und mitten in dem Kampfe der Parteien finden wir viele Tausende von deutschen Ackerbauern, deren taktvolle, besonnene Haltung unsre Bewunderung erwecken müßte, wenn wir nicht längst wüßten, daß die Deutschbrasilianer wohl ihre Staatsangehörigkeit dem Mutterlande gegenüber aufgegeben, aber weder ihre uationale Eigenart verloren, noch ihre Heimat vergessen haben. Unwillkürlich drängt sich der Gedanke auf, was das deutsche Element in diesem Bürgerkriege für einen Einfluß hätte gewinnen können, wenn die deutsche Auswanderung nach Brasilien von Anfang an von der deutschen (und früher der preußischen) Regierung planvoll geleitet, wenn unsre Landsleute wirksam unterstützt und geschützt worden wären.
Brasilien wird sicher einmal in Südamerika einen entscheidenden politischen, vielleicht auch einen Kultureinfluß gewinnen, seine bisherige Entwicklung ist in gewissem Sinne typisch für jene Staatengebilde, uud ich gebe die Hoffnung nicht auf, daß auch für die deutsche Auswanderungspvlitik einmal der Geburtstag anbrechen wird, da diese Frage hervorragende sozialpolitische Bedeutung für uns hat und ohne ihre Lösung eine gesunde und kräftige Kv- lonialpolitik nicht denkbar ist. Daher dürfte eine Betrachtung der Entwicklung
Grcnzboteu III 1895 51