292
Litteratur
inniges Klagen bei Kreisler so gut mit einander abwechseln wie in Schumanns „Kreisleriana."
Wir kennen heute Hoffmann fast nur noch als Dichter; aber als junger Mann war er nicht weniger berühmt als Zeichner, besonders als geistvoller Karikaturenzeichner, und berühmter noch als Komponist. Der Musik hat er sich in seinen besten Jahren, zwischen dem fünfundzwanzigsten und dem fünfunddreißigsteu mit hingebendem Eifer gewidmet; noch gegen Ende dieser Zeit, als er in drückenden Sorgen steckte, hat er einmal geäußert: „Zum Musiker biu ich uun einmal geboren, das habe ich von meiner frühsten Jugend an in mir gefühlt uud mit mir herumgetragen. Nur der mir innewohnende Genius der Musik kaun mich aus meiner Misere reißen." Als früheste Komposition hat sich eine kirchliche Ouvertüre des fünfundzwanzigjährigen erhalten, der Ellinger Sicherheit in der musikalischen Form, Eigenart und Wirkungskraft zuschreibt; nicht viel jünger sind eine Sinfonie und zwei Klaviersouaten, die mehrfach an Mozart erinnern sollen. In Warschau hat Hoffmann Musik zu Zacharias Werners „Krug au der Ostsee" uud zwei Opern: „Liebe und Eifersucht" und „Der Kanonikus von Mailand" geschrieben, endlich eine Messe in O-moll, in Bmnberg, wo er kurze Zeit Musikdirektor am Theater war, wieder zwei Klaviersonaten, nun nach Beethovenschem Vorbild, ein Quintett und eine Reihe kleinerer Kirchenkompositionen. Beklagenswert scheint der Verlust seiner Musik zur Genovefa des Malers Müller zu sein; seine beste Oper aber, die „Undine," ist erhalten. Nach Ellingcrs Urteil steht sie weit über Lortzings Oper, abgesehen von den komischen Episoden, die Lortzing eingefügt hat, und für die Hoffmanns Oper keine Vergleichuugspunkte bietet. Wenn Hoffmann, wie Ellinger bestimmt behauptet, auch als Komponist Anspruch hat, für uns mehr als ein bloßer Name zu sein, so Wäre die „Undine" gewiß das erste seiner Werke, das den Versuch einer Wiederaufführung lohnen würde.
Litteratur
Das Neue Testament. Übersetzt von Karl Weizsäcker. Sechste und siebente verbesserte Auflage. Freiburg und Leipzig, I. C. B. Mohr, 1894
Hoffentlich teilt kein Leser der Grenzboten den Standpunkt der jungen Dame, Von der die Christliche Welt vor einiger Zeit erzählte, daß sie ihrer Freundin entsetzt zugerufen habe: „Was, du liesest iu dem Weizsäcker, diesem ungläubigen Kritiker, der uns die Bibel zcrstückt uud zerpflückt?" Aber ist nicht vielleicht die Befürchtung begründet, daß viele unsrer Leser dies Buch ebenso wenig kennen wie offenbar jene Dame? Jedenfalls beweist die Thatsache, daß es jetzt, ungefähr fünfzehn Jahre nach seinem ersten Erscheinen, in sechster und siebenter Auflage ausgegeben wordeu ist, was für manches andre Bnch ein schöner Erfolg heißen würde, bei Weizsäckers Neuem Testament, daß es noch viel zn wenig bekannt ist. Soll sich dieses Buch, das jeder Theologe neben seinem Urtext braucht, nicht auch bei denen einbürgern, für die es recht eigentlich bestimmt ist, bei der großen Zahl unsrer