Ver deutsche Student am Ende des neunzehnten Jahrhunderts
71
es statt 25 nur 12 oder 10 Prozent wären, denn auch dann wären es immer noch reichlich dreitausend Studenten, die jährlich gcschlechtskrank werden; die Zahl derer, die an der Prostitution überhaupt beteiligt sind, wäre natürlich noch viel größer." Ziegler sieht hier wohl zu schwarz. Wir glauben nach allem, was wir gesehen und gehört haben, daß der deutschen Studeutenschaft ein Unrecht zugefügt wird, wenn man die schlimmen Erfahrungen, die man bei einem vermutlich ack doo gegründeten Kassenverein in Berlin gemacht hat, zu Schlüssen auf die übrigen verwertet. Darin steckt eben der Fehler der Rechnung, und wenn das in einer Hinsicht tröstlich ist, so möge es auf der andern Seite doch dazu führen, daß künftighin die Väter dem Verlangen ihrer Söhne, schon im ersten Semester eine große Universität zu beziehen, etwas mehr Widerstand leisten.
Eine weitere Vorlesung ist dem Duell und der Mensur gewidmet. Hier begegnen wir dem jedenfalls überraschenden Vorschlag, man solle ruhig erklären, daß studentische Kampfspiele erlaubt seien und öffentlich, d. h. vor-uri oorxorc! g-oaclsmieo, abgehalten werden dürften. Daß dadurch unsre Jugend an solchen blutrünstigen und nicht gerade ästhetischen Spielen übermäßig Gefallen finden werde, sei schwerlich zu befürchten, vielmehr hätten die Behörden durch ihre Verbote und Strafen die Sache nur reizvoll gemacht, und diesem Umstände sei es zuzuschreiben, daß die Studenten diesen Spielen eine gewisse Wichtigkeit beilegten, die sie in Wirklichkeit gar nicht hätten. „Das Leben bietet so viele Gelegenheiten, moralischen Mut zu zeigen, daß ich den, der noch als Philister mit einem Schmiß renommirt, stets in dem Verdacht habe, daß er jene Gelegenheiten habe ungenützt vorübergehen lassen; der Schmiß heißt dann nichts andres als: ich armseliger Tropf habe wenigstens einmal in meinem Leben ein bischen physischen Mut gezeigt!"
Seine Harmlosigkeit verliert natürlich dieser Fechtsport nicht nur, wenn er sich die Alleinherrschaft über alle andern anmaßen möchte und gewissermaßen zwangsweise geübt werden soll, sondern vor allem auch dann, wenn statt des wangenritzenden Schlägers eine gefährliche Waffe gewühlt wird, wenn die Mensur ins Duell ausartet. Dieses erscheint in allen Füllen ohne weiteres als ein ungeeignetes und verwerfliches Mittel zur Schlichtung studentischer Streitigkeiten und zur Wiederherstellung gekrünkter Ehre. Bald schlage man diese Ehre zu hoch an, indem man an ihre kleinste Verletzung das Allerhöchste, ein hoffnungsvolles Leben, setze, bald zu niedrig, indem man Ehrenfragen auf dem Wege des Spiels zum Austrag bringen wolle. Und vor allem, ein moralischer Feigling bleibe erbärmlich, auch wenn er zeige, daß er fechten könne! Seitdem man weiß, daß aus diesen Kämpfen oft genug das Unrecht als Sieger hervorgeht, seit kein Mensch mehr an ein Gottesurteil im Zweikampf glaubt, hat diese Art, für seine gekränkte Ehre einzutreten, keinen Sinn mehr. Wenn man trotzdem in gewissen Stünden an diesem Vorurteil festhält,