Maßgebliches und Unmaßgebliches
387
Er winkte ihr, während sie immer noch unbeweglich in ihrer Sofaecke saß, freundlich von der Thür aus mit der Hand und ging hinaus.
(Fortsetzung folgt)
Maßgebliches und Unmaßgebliches
Staatssozialismus. Warum wir die dumme Sozial- und Wirtschaftspolitik nicht endlich einmal beiseite ließen und uns lieber mehr auf Knust und Wissenschaft verlegten, hat jüngst ein guter Freuud der Grenzboten gefragt. Ja, dann müßten wir den ersten der drei Programmgegenstände, die der Umschlag ankündigt, eiufach streichen, denn was haben wir deuu heute noch Politisches außer der Getreide-, Spiritus-, Mucker-, Margarine-, Schweine-, Tabak-, Eisen-, Que- bracho-, Gewerbe- und Arbeiterpolitik? Wer dürfte auf Zuhörer uud Leser rechnen, wenn er etwas andres brächte? Und bei Lichte besehen, sind diese nützlichen Gegenstände in unsrer realistischen Zeit, die Schönheit nicht mehr zu den Erfordernissen der Objekte und Modelle rechnet, gar nicht fo unästhetisch. Werden sie doch auch mit solchem Pathos und solchem Schwuug behnudelt. herrscht doch in ihrer Behandlung so viel dichterische Freiheit, daß uusre Parlamente schon längst die eigentliche Geburtsstätte der modernen Poesie geworden sind. Ein reicher Kranz von Liedern, wie das von der Pfeife des armen Mannes und das vom geflickten Strohdache des armen Grafen, schlingt sich um diese neuen Musenstätten, der Roggenpreis ist das neue goldue Vließ, um das der Kampf entbrennt, der, da er nur iu Worten geführt wird, gleich felber zum Epos in 24 Gesängen, alias Kommissionssitzungen wird, über Spiritus und Zucker werden jetzt eben die schönsten Novellen gedichtet, nnd die Verhandlung über die Tabaksteuer hat so reizend mit einem burlesk drcnuatischeu „Bum" geschlossen wie die Introduktion zum ..Verspreche« hinter dem Herd."
Abgesehen von der Tabaksteuer trageu alle andern schwebenden Steuer- uud Zollfragen den deutlichen Stempel des Sozialismus an sich. Dem Grafen Kanitz hats in der Kommissionssitznng am 15. Mai Vollmar haarklein bewiesen, daß die Annahme feines Antrags die Verstaatlichung der Landwirtschaft zur Folge haben müßte, und Zeutrum und Nationalliberale haben übereinstimmend geurteilt: Vollmar hat Recht' Zwar beteuern unsre Herrn Staatssozialisten iu einem fort: Unsre Vorschläge sind bloß sozial, nicht sozialdemokratisch, sie stehen auf dem Boden der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung; allein keine neue Orduuug fällt vom Hnnmel. iede erwächst aus ihrer Vorgäugeriu. und der Unterschied zwischen agrarisch-sozial m.d sozialdemokratisch besteht hauptsächlich nur darin, daß es zwei verschleime Klassen sind, deren jede uuter dem sozialeu Panier ihr eignes Interesse verficht, und daß die Sozialdemokraten weiter hinaussehen. Das Weseutliche des Sozialismus tritt m deu schwebenden Gesetzentwürfen deutlich hervor: sie sollen teils durch Be- schränkung der Prvduktiou oder der Eiufuhr. teils durch Aussuhrprämien den Preis der Produkte heben und dem Produzenten das Einkommen sichern, auf das er Anspruch zu haben glaubt, und sie greife» tief in die freie Erwerbsthätigkeit ein