Litteratur
Nicolai Jwanowitsch Pirogow. Lebensfragen. Tagebuch eines alten Arztes. Aus dem Russischen übertragen von August Fischer. (Bibliothek russischer Denkwürdigkeiten. Herausgegeben von Th. Schiemann. Dritter Band.) Stuttgart, Cotta,' 1894
Der Mann, der hier sein Leben erzählt, ist ein tüchtiger in Deutschland und Frankreich gebildeter Chirurg, der sich um das Hospitalwesen in seinem Vaterlands und um das allgemeine Lazarettwesen in den letzten europäischen Kriegen das größte Verdienst erworben hat. Doch würde dies das allgemeine Interesse, zumal in Deutschlcmd, an diesem starken Bande kaum rechtfertigen. Hierzu gehört die allerdings ausnehmend gewinnende, in ihrer Art bedeutende, in ihrer russischen Umgebung aber geradezu auffallende Persönlichkeit des Mannes. Er hat diese Lebcns- gedanken uud Lebenserinnerungen in seinen letzten Lebensjahren von 1379 bis 1881 aufgesetzt. Er beginnt mit tiefen philosophischen Tagebuchaufzcichnungeu, die dem medizinischen Durchschnittsdenken jeuer Jahre erfreulicherweise durchaus nicht entsprechen. Wir haben eben einen „alten Arzt" vor uns, der in Berlin studirtc, als „noch die klassischen Stücke Shakespeares, Schillers, Lessings und Goethes beim Publikum in Gunst waren." „Die Zeit seines Berliner Aufenthalts war gerade die Zeit des Übergangs — und zwar eines.sehr...schnellen, Übergangs — der deutschen Medizin zum Realismus; damals begann gerade ihr Einschwenken in die Reihe der exakten Wissenschaften, das von den Fanatikern des Realismus bis auf den heutigen Tag so gefeiert wird." Pirogow scheint diesen Übergang nur insoweit mitgemacht zu haben, als es seine technischen Fähigkeiten in seinem Berufe fördern konnte. Aber keineswegs opferte er diesem berüchtigten „Fortschritt" sein Denken und Fühlen als Mensch und Gelehrter, wie die meisten seiner Zunftgeuosfen um die Mitte dieses Jahrhunderts. Die religiösen Betrachtungen dieser Tagebnch- blätter werden auf die deutschen Leser etwas sremdartig wirken, da sie sich auf dem Grunde des orthodoxen Kirchenglcmbeus aufbauen. Der starke Pnlsschlng eines wahrhaft christlichen Seelenlebens aber wird sie sympathisch berühre», zumal da es das Leben eines „mit der Wissenschaft fortgeschrittenen" Arztes ist. Ein darwinistischer Streber im struMlo eck tlnz lito war dieser Arzt nicht. Er wnrde daher auch dem Büreaukratismns seiner Regierung auf die Dauer uubequem und hat die spätere Lebenszeit im Privatleben gestanden. Die Freimütigkeit und Gerechtigkeitsliebe, mit der diese Lebensaufzcichnungen Verhältnisse uud Persönlichkeiten schildern, erklären das hinlänglich. Der etwas breite Raum, der der Anekdote eingeräumt wird, mag zwar den Ernst des Eindrucks dieser Beobachtungen gelegentlich etwas einschränken. Dafür wird er um so anziehender wirken, nicht bloß auf die große Leserzahl, die sich gerade heute für das — frühere! — geistige Lebeu in den deutsch-russischeu Ostseeprovinzeu interessirt, sondern mich auf die noch größere aus medizinischen Kreisen, die gern persönliche und allgemeine Erinnerungen an die Lehrer des ältern Arztgeschlechts (Joh. Müller, die Brüder Weber, Schönlein,, Diesfenbach, Gräfe, die beiden Langenbecks u. n.) ausfrischt.
Für die Redaktion verantwortlich: Johannes Grunow in Leipzig Verlag von Fr. Wilh. Grunow in Leipzig. — Druck von Carl Marquart in Leipzig