Moderne Opern
von Paul Moos
ie Weiterentwicklung der Oper nach Wagners Tode schlug allen Berechnungen und Mutmaßungen ein Schnippchen. Die Wagnerianer, die in Deutschland das Feld beherrschten, glaubten mit Zuversicht, daß nur ihnen die Opernbühne der Zukunft gehören könne. Aber der ersehnte Erfolg eines nachwagnerischen Musikdramas wollte sich nicht einstellen. Da kam eines Tages, während man noch in Deutschland eine lebensfähige Oper mit der Laterne suchte, aus Italien die Kunde eines phänomenalen Sieges, und Mascagnis Cavalleria rusticcma, die sich in schroffen Gegensatz zu dem setzte, was man in Deutschland sür richtig hielt, zog über alle Bühnen der Welt. Ihr folgte alsbald Leoneavallos Bajazzo, der sich ebenfalls als lebensfähig erwies, trotz aller gegen ihn er- hobnen Bedenken. Mit den Opern, die von 7 bis ^/z12 Uhr dauern, war es fürs erste vorbei. Auch Deutschland mußte sich wohl oder übel bequemen, vom hohen Pferde herabzusteigcn und sich mit den Italienern auf gleichem Boden zn mesfen. Einaktige Opern schössen wie Pilze aus dem Boden, und endlich hörte man aus Berlin, in Ferdinand Hnmmels Mara sei der ersehnte deutsche Treffer gefunden. Mara fand denn anch allgemeine Verbreitung, wenn sich auch der Erfolg an sieghafter Freude nicht mit dem der Italiener mesfen konnte. Während sich nun aber die Italiener mit nachfolgenden Werken nicht mehr auf der erkämpften Höhe zu halten vermochten, tauchte gerade zur rechten Zeit ein Frankfurter Musikus, Engelbert Humperdinck, mit seinem Märchenspiel Hänsel und Gretel auf, man staunte, wieder einmal Musik von echter Schönheit zu hören, und die deutsche musikalische Ehre war gerettet.
Jetzt, wo diese ganze Bewegung zu einiger Breite gediehen ist und auch einen gewissen Abschluß gefunden hat, dürfte es vielleicht von Interesse sein, die genannten vier Werke, in denen sich die Entwicklung der Oper seit Wagners Tod getreu wiederspiegelt, einer zusammenfassenden Betrachtung zu unterziehen. Es handelt sich dabei um die Frage, in wieweit die angeführten Werke ihren thatsächlichen Erfolg verdient haben, was ihre Vorzüge und Fehler sind, und wie sie sich wohl ihrem künstlerischen Werte nach unter einander Verhalten mögen. Was Mascagni und Leoncavallo nachträglich noch vor die Öffent-