Die Handwerkskammern
Von Hugo Bötlger
ie neuere Entwicklung des gewerblichen Lebens hat auch für den Hciudwerkerstand eine Anzahl sogenannter Fragen gebracht, ja manche Politiker nnd Volkswirte wollen in dem ganzen heutigen Handwerk nur eine einzige große soziale Frage, einen Übcrgciugs- zustand von einer veralteten Unteruehmungsform zn der lebensfähiger!, Entwicklungsstufe des Großbetriebs sehen. Eine Zeit lang, als nämlich auf allen erhöhten Punkten unsrer Volkswirtschaft die Flagge des internationalen Manchestertums aufgezogen war, herrschte diese Anschauung unbedingt; war sie doch für alle, außer den Handwerkern, ungemein bequem, sie drängte zu keiner Thätigkeit, da ja doch, um mit Bismnrck zu reden, nach neun Uhr alles vorbei, über kurz oder laug das Handwerk von schweren Leiden erlöst und iu die herrlichen Gefilde der „Industrie" hinübcrgeleitet sein würde. Aber da kam plötzlich Lebeu iu die angeblich dem Tode nahe Volksmasse: es entstand eine Handwerkerbewegnng, die über die nötige Lnugenkraft verfügte, sich in dem Stimmengewirr der Tagespolitiken in dem Lärm des allgemeinen Jntercssenkampfes geltend zu machen. Sie forderte nnd weckte das öffentliche Interesse; das laiWsr Ällor wurde auch auf diesem Felde in die Flucht geschlagen, nnd die „Fragen" des Handwerks sind ganz allmählich in die Programme den sämtlichen politischen Parteien im deutschen Reiche eingedrungen; nur die Sozialdemokratie, die sich vermißt, als die einzige Partei der Bedrängten und Bedrückten aufzutreten, steht diesen Fragen mit verschränkten Armen gegenüber. Sie wartet und vertröstet auf die große Zeit des allgemeinen Krachs; da sollen auch die Forderungen des gewerblichen Mittelstandes erfüllt werden.
Wir andern hoffen, daß das schon eher möglich sein werde, damit uns dieser kräftigste Teil des Volkes erhalteu bleibe, natürlich soweit er erhaltens- wert ist.
Gewiß, das Handwerk ist seit geraumer Zeit iu einer schwierigen Lage. Mit dem Beginn des Fabrikbetriebs und der Geld- nnd Kreditwirtschaft ist die Klasse der Handwerker aus ihrer frühern behäbigen nnd sichern Lebenshaltung in den „Krieg aller" hinausgedrängt wordeu. Durch das Aufkommen der Fabriken vom sechzehnten bis zum achtzehnten Jahrhnndert wurde das