108 Natur und Behandlung des Verbrechers
den niedern Klassen schlechter ginge als früher, sondern nnr dadurch, daß es heute den höhern Klassen besser geht. Man darf jedoch bei den Anforderungen, die man in dieser Beziehung stellt, nicht übersehen, daß es außerordentlich schwer ist, jene Pflichten in angemessener, nicht zu Mißbräucheu führender Art zu üben und zu regeln. Sonst aber giebt es keine soziale Frage, die gelöst werden könnte. Eine solche in anderm Sinne aufstellen und lösen wollen, heißt die menschliche Gesellschaft zertrümmern.
Um nochmals auf die Stellung des Mittelstandes zurückzukommen, so ist ja unverkennbar, daß einzelne Zweige desselben durch die veränderten Verhältnisse bedrängt und zurückgekommen sind. Im allgemeinen aber besteht auch heute uoch ein Mittelstand in durchaus mohlhäbiger und Achtung gebietender Stellung. Er darf sich nur nicht durch die Mißgunst wider den Reichtum und die Sucht, es diesem gleich zu thun, beirren lassen.
Natur und Behandlung des Verbrechers
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u der „Internationalen kriminalistischen Vereinigung" arbeiten Männer von Geist und Gewissen daran, dem Schlendrian unsrer Strafrechtspslege ein Ende zu machen, und die Vertreter einer neuen Wissenschaft, der Kriminal-Anthropologie,^) die auch ihrerseits seit einigen Jahren Kongresse abhalten, sind bemüht, für diese Bestrebungen eine wissenschaftliche Grundlage zu schaffen. Mit der flüchtigen kritischen Überschau über diese Neformidcen, die wir nachstehend versuchen, lehnen wir uns an das Buch eines Engländers an: Verbrecher und Verbrechen von Dr. Havelock Ellis, mit 7 Tafeln nnd Textillnstrationen. Autorisirte, vielfach verbesserte deutsche Ausgabe von Dr. Hans Knrella. (Leipzig, Georg H. Wigand, 18ö4.) Der Übersetzer, selbst eine Autorität ans diesem Gebiet und Verfasser einer „Naturgeschichte des Verbrechers," schreibt in seinem Vorwort, es habe bisher bei nns ein Buch gefehlt, das die ver- schieducu Richtungen der hierher gehörigen Forschungen nnd ihre Ergebnisse zusammenfaßte. „Als Veteran der Kämpfe um den »gebvrnen Verbrecher« darf ich zugleich beanspruchen, als Kenner der einschlägigen Litteratur zu gelten, nud so habe ich denn das vorliegende Buch als das, das Vollständigkeit und
Die Herren schreiben gewöhnlich „kriminelle Anthropologie," was natürlich eine Sprachdummheit ist. Kriminell würde ihre Anthropologie z. B. dann sein, wenn sie Mensche» zn Forschungszwecken vivisezirten.