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Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert. Von Heinrich von Treitschke. Fünfter Teil. Leipzig, Hirzel, 1394

Nach längerer Pnuse, nachdem der vierte Band schon 1889 erschienen war, tritt Treitschke jetzt mit einer ausführlichen Darstellung der Übergangsjahre vom Regierungsantritt Friedrich Wilhelms IV. bis zum Ausbruch der Märzrevolution 1848 hervor. Die Eigentümlichkeiten seiner Darstellung, die starke Hervorhebung und die glänzende Charakteristik der Personen, die sorgfältige Behandlung anch der innern, namentlich der litterarischen, künstlerischen und volkswirtschaftlichen Ent­wicklung, das energische Hervortreten des persönliche» Urteils und ^ der persönlichen Teilnahme an den erzählten Dingen, das gewiß oft den Eindruck der Vorein­genommenheit macht, aber auch dem Ganzen einen warmen Ton giebt, endlich die reine, kräftige und volltönende Sprache, das alles findet sich auch in diesem Bande, obwohl im Stoffe selbst nichts großartiges liegt. Doch scheint uns das Urteil Treitschkes milder geworden zu sein als früher. Daß Preußen durchaus im Vorder­gründe steht, liegt in dem Plane des Werkes uud iu der Natur der Sache; im Verhältnis dazu treteu die kleinern deutsche« Staate» sehr zurück, obwohl z. B. die bairischen Händel, die sich an den Namen der Lola Mvntez knüpfen, sehr aus­führlich erzählt werdeu. Die Hauptgestalt iu dem ganzen farbenreichen Gemälde ist Friedrich Wilhelm IV., die Darstellung seines Wesens und seiner Politik gehört zu dem glänzendsten und zugleich tiefsten, was Treitschke geschrieben hat. Mit Meisterschaft sind die Kapitel ,',Realismus iu Kunst und Wissenschaft" uudWachs­tum und Siechtum der Volkswirtschaft" behandelt. Aber in dem ganzen reichen Gemälde einer Zeit der wachsenden Gähruug fehlt es an einem, und das vollendet den Eindruck des Tragischen: nn einem großen Staatsmanne, und ganz besonders darum hat die Bewegung ihr Ziel verfehlt.

Möge es dem Verfasser, der nun schon das sechzigste Lebensjahr überschritten hat, und von dessen Buche niemand scheiden kann, ohne im Innersten ergriffen zu sein, vergönnt sein, in den beiden letzten Bänden nach dem Scheitern der nationalen Hoffnungen auch ihre großartige Erfülluug zu schildern mit jener Farbenpracht und Wärme, über die unter den lebenden deutschen Historikern keiner so verfügt wie er. Dann wird er ein unvergängliches Nationalwerk geschaffen haben, denn er ist dem Stoffe kongenial, wie kein zweiter Historiker. Wie die seinsinnige Auffassung, die liebevolle Kleinmalerei Rankes für die Zeilen der absoluten Fürstenmacht mit ihrem Überwiegen monarchischer uud aristokratischer Persönlichkeiten vorzüglich Paßte, so Treitschkes tiefes Pathos und seine schwungvolle Rhetorik für die Darstellung einer Zeit, die aus trübem Wirrsal endlich das deutsche Reich als eine Schöpfung der tiefsten nationalen Bewegung und genialer Männer entstehen sah, und die uns nicht nur zeitlich, souderu auch innerlich noch viel zu nahe liegt, als daß wir sie mit der kühlen Objektivität Rankischer Kuust geschildert sehen möchten.

Die Ansprachen des Fürsten von Bismnrck 1848 bis 1394. Hercmsgegeben von Heinrich von Poschinger. Mit dem Bildnis des Fürsten. Stuttgart, Leipzig, Berlin, Wien, Deutsche Verlcigsaustalt, 1895

Der Herausgeber bezeichnet diese Sammlung als eine Ergänzung zu der Kohlscheu Ausgabe der politischen Reden Fürst Bismarcks. Denn während uns jenes monumen-