Gustav Adolf
m 9. Dezember d. I. hat das protestantische Deutschland mit Schweden zusammen den dreihundertjährigen Geburtstag des großen nordischen Königs gefeiert, den einst Kardinal Richelieu eine „aufgehende Sonne," andre den „Löwen aus Mitternacht" nannten. Ungewöhnlich in der That muß der Mann gewesen sein, der zu Lebzeiten solche Bezeichnungen verdiente und Jahrhunderte nach seinem Tode noch so hohe Ehren bei zwei Völkern genießt. Aber wie er auf der einen Seite verehrt uud gefeiert wird als ein nationaler Held und als der Retter des Protestantismus, ebenso einig ist die andre Seite darin, ihn als den Verwüster und Zerstörer Deutschlands zu brandmarken. Und das wunderliche dabei ist, daß beide Teile Recht haben, das üble aber, daß beide gewöhnlich nur die eine, ihnen zugewandte Seite sehen. Denn als Staatsmann war Gustav Adolf durchaus Schwede und nur Schwede, und nur Thoren können sich darüber wundern oder gar ein Unrecht darin finden. Ein Unrecht wäre es vielmehr gewesen, wenn er die Kräfte Schwedens für andre als schwedische Interessen eingesetzt hätte. Durch ganz Europa hin standen die Politischeu nnd wirtschaftlichen Gegensätze mit einander im Kampfe: auf der einen Seite die Habsburger in Spanien und Österreich mit Polen, auf der andern Frankreich, Holland und die nordischen Mächte. In diesen Gegensätzen mußte Gustav Adolf seine Stellung nehmen. Ohne Zweifel war Schweden durch die Unterwerfung Nvrddeutschlands unter die kaiserliche Macht um so schwerer bedroht, als sein alter Gegensatz zn Polen fortbestand, und der dort seit 1587 regierende ältere Zweig des Hauses Wasa weder die deutsch-baltischen Provinzen, vor allem Livland, oder die Weichselmüudungen in den Händen der Schweden lassen noch auch nur die in Schweden selbst mit Karl IX. empor- gekommnen jüngern Wasa als legitime Herrscher des Landes anerkennen wollte. Grenzbvten IV 1894 61