Behring und Virchow
au hört es vielfach von Ärzten bedauern, daß Professor Behring in seinem Aufsatz: Das neue Diphtheriemittel in Nr. 3 der Zukunft eine wissenschaftliche Streitfrage dem großen Publikum unterbreitet und dabei Herrn Professor Virchow mit heftigen Angriffen überschüttet habe. Bei vielen ist dies Bedauern aufrichtige Herzensmeinung, bei wenigen die Folge einer festen Weltanschauung, bei manchen reine Heuchelei; die meisten aber würden in Verlegenheit kommen, weun sie aufgesordert würden, ihr ablehnendes Verhalten gegen Behring ernsthaft zu begründen. Es verlohnt sich deshalb wohl der Mühe, dem einzelnen Falle, der ja nur symptomatische Bedeutung hat, aber wegen derZ angesehenen Stellung der handelnden Personen Aufsehen erregt, eine Besprechung zu widmen und den Versuch zu machen, in dieser für Ärzte und Laien gleich wichtigen Angelegenheit ein sachliches Urteil zu gewinnen.
Daß Mathematiker, Physiker, Astronomen, Philologen u. s. w. die Streitfragen, die in ihrer Wissenschaft gerade auf der Tagesordnung stehen, dein Publikum nur sehr selten zur Kenntnisnahme und Beurteilung vorlegen, ist eine bekannte Thatsache; geschieht es doch einmal, so bleibt es in der Regel bei dem ersten Versuch, denn sehr bald verschwindet bei dem nicht genügend vorbereiteten Leser das Interesse an dem Streit, der weder sein Gemüt noch seinen Geldbeutel in Anspruch nimmt. Auch die Juristen Pflegen ihre theoretischen Meinungsverschiedenheiten nnter sich auszusechteu und höchstens dann, wenn es sich um Fragen des materiellen Rechts oder um Gesetzesvorlagen handelt, die Teilnahme des Publikums in Anspruch zu nehmen. Anders ist es schon bei den Theologen und Litteraten; die Theologen, obwohl amtliche Vertreter des Friedens und der christlichen Liebe, haben in der Regel eine heftig pulsirende polemische Ader und müssen sich schon wegen ihres Berufs,
Grenzboten IV 1894 43