Maßgebliches und Unmaßgebliches
Volksgeist, Parteigeist, Klassengeist. So weit sind die Preußischen Jahrbücher heruntergekommen! hieß es dieser Tage in der Nntionalliberaleu Korrespondenz, weil Professor Delbrück den Nationalliberaleu eine bittere Wahrheit gesagt hat, die freilich schon deswegen tief kränken mußte, weil sie nicht bestritten werden kann. So weit heruntergekommen! rufen die Konservativen, wenn einer ihrer Freunde eiue vernünftige Ansicht der Freisinnigen, und die Freisinnigen, wenn einer der Ihrigen eine für konservativ geltende Ansicht verteidigt. So tief gesunken! jammern die Mitglieder katholischer Gemeinden, wenn sie entdecken, daß ihr Pfarrer die Kölnische oder die Schlesische Zeitung liest, und dann veranstalten sie eine neuntägige Andacht zur Rettung seiuer Seele. So tief gesunken! heißt es wiederum in den allerdings sehr zusammengeschmolzenen Kreisen der liberalen Katholiken, wenn sich einer der Ihren mit den Schwarzen einläßt. Und mit welchen Augen einander die sozialdemokratischen Arbeiter und die Unternehmer ansehen, das ist ja weltbekannt. So besteht also das deutsche Volk aus einem halben Dutzend großer und ebenso viel kleinen Parteien, von denen jede ihren eignen Geist hat, svdaß sie die übrigen weder versteht noch von ihnen verstanden wird, von denen jede die Angehörigen der übrigen als Aussätzige behandelt, deren Berührung befleckt, sodaß einer, der sich mit andern Parteien einläßt, der Acht verfällt und von seiner eignen Partei ausgestoßen wird. Und hat er keine Lust, sich dem Partei- zwaug einer andern zu unterwerfen, so bleibt er vogelfrei nnd hat kein Organ mehr, durch das er zu seinen Mitbürgern sprechen könnte. So giebt es denn keinen deutschen Volksgeist, sondern nur ein Dutzend Parteigeister, und daher auch lein deutsches Volk, sondern nur ein Dutzend Bruchstücke des ehemaligen deutschen Volkes, die einander hassen und verachten und nur durch geographische, wirtschaftliche und politische Notwendigkeiten zusammengehalten werden. Und wenn die Zeitungen den Mund voll nehmen und prahlen: das deutsche Volk will dies oder das, so lügen sie, denn sie meinen immer nur das Zehntel, Siebentel oder Fünftel, das ihre Partei bildet.
Wir wollen hier nicht untersuchen, wie die geographischen, politischeu nnd kon- fessionellen Verhältnisse unsers Vaterlandes mit den Gemütsanlagen unsers Volks und den sozialen Schwierigkeiten der Gegenwart zusammengewirkt haben, diesen Zustand zu erzeugen. Aber auf eins müssen wir hinweisen: daß hinter dem Parteigeiste der Klassengeist steht, dem er mehr und mehr dienstbar wird. Ist die Feindschaft der Parteien vielfach aus doktrinärem Eigensinn entstanden, so wird sie jetzt von der berechnenden Selbstsucht der Klassen geschürt; nichts ist dieser erwünschter als das hergebrachte Vorurteil jeder Partei, daß die Augehörigen der übrigen Parteien schlechte Kerle seien, mit denen zu verkehren eine Schande sei für einen anständigen Mann. Den Nutzen, den dieser Znstand den Klassen bringt, wollen wir an einem Falle klar machen, der nicht gerade selten vorkommt. Ein Publizist wird in einer Partei gern vernommen, weil er einige Ansichten dieser Partei teilt und mit Geschick vorträgt. Eines Tages aber findet er sich bewogen, der Mehrheit dieser Partei zu sagen: Nehmt ench in acht! die Maßregeln, die eure Führer jetzt vorschlagen, werden nicht euch, sondern nur der Minderheit eurer Partei, einem engen Kreise von Interessenten, Vorteil bringen; der Parteizwang wird dazu benutzt, euch für die selbstsüchtigen Absichten andrer zu mißbrauchen. Da kann sich Grenzboten IV 1394 42