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Sozialreform
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sozialreforin

egierungen und Parlamente, die Herren auf den Rathäusern uud in den Amtsstuben, Einzelne nnd Kollegien, gemeinnützige Vereine und Berufsvereiue, Gelehrte und Praktiker, Arbeitgeber uud Ar­beiter, ja selbst die Hausfrauen — sie alle beschäftigt die Sozial­politik, die soziale Frage, die Sozialreform. Uud wenn sie sie nicht im eigentlichen Sinne beschäftigt, so führen sie sie doch bei jeder Ge­legenheit im Munde oder führen Thaten und Unterlassungen aus sie zurück.

Diese wirkliche oder scheinbare Beschäftigung mit der Sozialreforin hat bei den eiuen ihre Ursache in dem allgemeinen Interesse, d. h. in der Für­sorge für das Gemeinwohl, bei andern sind es die Interessen einer grvßern oder kleinern Standes- oder Berufsgruppe, uud wieder andre widmen sich der Frage in mehr oder weniger offen ausgesprochnem oder verhülltem Interesse. Die einen erstreben das Gnte, das wirklich Gute, um seiner selbst willen, andre erstreben das Nützliche für sich oder für andre oder für sich in Gemein­schaft mit andern, während wieder andre nur nach Popularität oder Herrschaft haschen und dabei unter cmderm anch das soziale Reformiren als eins ihrer Mittel verwenden. Hier wird Sozialreform in Verbindung mit der Politik nur politischer Zwecke halber verfolgt, dort kirchlicher Zwecke halber. Mau arbeitet wohl in dem Zeichen der Sozialreforin, aber um der politischeu oder kirchlichen Partei zu dienen und zur Herrschaft zu verhelfen oder ihre Herr­schaft festzuhalten.

So wird denn über die Sozialreforin geredet und geschrieben, es werden Versammlungen und „Kongresse" abgehalten, „Resolutionen" gefaßt, Vorschläge gemacht, auch Gesetze entworfen nnd sogar gegeben, nicht etwa der Reform selbst wegen, sondern teilweise aus ganz andern Gründen, teilweise wenigstens in Verbindung mit andern Gründen.

Grenzboten IV 18»4 37