Friedrich Pcchts Lebenserinnernngen
Niehreu, wenn der Staat nach seiner Pflicht jede Lüge, die sich öffentlich her- vvrwagt, mit Strafe verfolgt. Aber es wird die furchtbare Not verschwinden, daß der Staat seine Bürger unter Umständen dazu verleitet, Gott zu belügen.
Ich weiß recht wohl, daß dieser Vorschlag wenig Aussicht hat, ausgeführt zu werden, schon weil sich die Herren Bedeuklichkeitsräte, die Juristen, mit allen Kräften dagegen stemmen werden. Wenn aber durchaus geschworen werden muß, dann sollte wenigstens der Eid auf die Fälle beschräutt werden, wo es sich um Leben nnd Ehre eines Menschen handelt, und nichts unterlassen werden, was die Wichtigkeit nnd Heiligkeit des Eides dem Schwörenden zu Gemüte führt. Es dürften auch die nicht vereidigt werden, die keinen oder »nr einen sehr unvollkommnen Glauben au Gott haben.
Geht es in der bisherigen Weise weiter, so wirb die Zahl der entdeckten nnd verborgen bleibenden Meineide immer mehr wachsen. Die Eidesnot ist aber schon jetzt wahrlich groß geling.
Friedrich pechts Lebenserinnerungen
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von Adolf Rosenberg
enn sich einer in frühern oder spätern Jahren entschlossen hat, sich und andern das Leben schwer zu machen, indem er Kunstkritiker wird, muß er nicht bloß, wenn er sein Handwerk mit Gelassenheit betreiben will, mit eiserner Stirn, freilich nicht in dein Sinne von Karl Friedrich Bahrdt, sondern auch mit harter Haut und einem guten Gewissen bewaffnet sein. Die eiserne Stirn braucht er, um draufloszugehen, wenn es in der Welt der Kuust gar zu kunterbunt hergeht, die harte Haut, nur nicht jeden auf ihn abgeschossenen Pfeil zu fühlen, und das gute Genüssen, damit auch eine tiefere Wuude ohne nachhaltigen Schaden ertragen werden kann. An Verdrnß und Ärger, der doch auch etwas an der Seele frißt und die Thatkraft lahmt, wird es selbst den so dreifach gewappneten nicht fehlen. Aber es scheint, daß dieser Ärger nicht ans Leben geht, daß er eine mehr erhaltende als zerstörende Kraft hat. Denn in diesem Jahre haben zwei Kunstkritiker, von denen jeder in seiner Stadt nicht bloß an Alter, sondern auch nn Verstand den Anspruch auf den sonst so viel mißbrauchten Ehrennamen eines Nestor hat, die Freude, hohe Jahrzehnte ihres Lebens abzurunden. Ludwig Pietsch in Berlin steht dicht vor seinein siebzigsten Geburtstag, und Friedrich Pecht in München ist am 2. Oktober ins einundachtzigste Lebensjahr getreten. Und wenn ich hinzufüge! „in unverminderter