Die innere Lage
ie plötzliche Entlassung des Grafen Caprivi hat nicht, wie die seines großen Vorgängers, als weltgeschichtliche Katastrophe gewirkt. Das Ausscheiden einer Persönlichkeit, deren Name mit den Geschicken der Nation während einer Periode unvergleichlichen politischen Aufschwungs unlöslich verbunden war, mußte auf das Gemüt der Zeitgenossen anders einwirken, als der Rücktritt eines Staatsmannes, der sich an die ruhige Überlegung der Verständigen zu wenden suchte, dem deshalb auch die Massen geringes Verständnis und noch weniger Anerkennung seiner Erfolge entgegenbrachten. Wenn gleichwohl der Abgang des Grafen Caprivi unleugbar ein tiefgehendes Gefühl der Beunruhigung — nicht eigentlich hervorgerufen, sondern nur zu neuer Stärke hat anschwellen lassen, so muß der Grund hiervon weniger in der Person des entlassenen Reichskanzlers, als in den öffentlichen Zustünden Deutschlands überhaupt gefunden werden.
Die heillose Zerfahrenheit unsrer politischen Parteien hängt ganz gewiß nicht mit der Persönlichkeit des Grafen Caprivi zusammen. Er war weder der Mann, die Parteien kräftig anzuziehen, noch sie kräftig abzustoßen. Wären sie im stände, aus sich selbst und aus dem Volke heraus zu klaren Zielen und zu geschlossenem Handeln zu gelangen, die Verhältnisse hätten für sie niemals günstiger gelegen als in den letzten vier Jahren. Man hat es dem Grafen Caprivi gerade zum Vorwurf gemacht, daß er es verschmäht habe, eine Partei oder eine Mehrzahl von Parteien zu ausschließlichen Trügern seiner Politik zu machen. Aber auch Fürst Bismarck hat sich zu diesem Grundsatze niemals bekennen mögen, und auch ihm ist nach den Septennatswahlen vom Jahre 1887 die Sammlung der sogenannten staatserhaltenden Parteien nicht wieder gelungen. Aller Voraussicht nach wird dies auch künftig, und wenn ein Neichs-
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